Anrufer am Freaky Friday

Am Freitag ist bei uns häufig „Freaky Friday“, das bedeutet, dass deutlich mehr „schräge Typen“ vorbeikommen, oder seltsame Anrufe entgegen genommen werden. In der vergangenen Woche kam das zu einem Höhepunkt.

Den Beginn machte eine Anruferin, die deutlich alkoholisiert auf mein „Vorstadtapotheke, PTAchen, Guten Tag!“ direkt mit „Mein A….l… brennt!“ antwortete. (Zur Erklärung – ja – sie meinte ihren Schließmuskel)

Fast hätte ich direkt aufgelegt, weil ich dachte es handelt sich um einen obszönen Anruf, doch sie sprach dann weiter. Der Anruf war tatsächlich durchaus ernst gemeint, und wir eruierten dann gemeinsam, welche Gründe für das Brennen verantwortlich sein könnten, und was sie dagegen tun kann. Doch bei ihrem ersten Satz wäre mir beinahe der Unterkiefer runtergefallen. Etwas direkt die gute Frau…

Kaum hatte ich aufgelegt, klingelte es wieder. Am anderen Ende der Leitung befand sich wieder eine Dame, die uns bat, doch wenigstens das Fenster zu schließen, wenn wir schon kiffen müssten. What…? Nach ein paar Erklärungsversuchen hatte ich sie hoffentlich davon überzeugt, dass sie sich verwählt haben musste. Nein, wir sind nicht die WG in der Friedrichstraße. Puuh!

Nach den beiden Anrufen hatte ich erst einmal genug vom Telefondienst. Ich möchte mit fremden Menschen weder über ihre Sexpraktiken noch über Drogenmissbrauch sprechen, sondern nur noch ganz normal beraten – ist das zu viel verlangt? Jedenfalls war es ein typischer Freitag, an dem wir immerhin viel zu lachen hatten 🙂

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Lehrerin

Gestern war es soweit, und ich habe die letzte Prüfung abgelegt, die mich zur „Technischen Lehrkraft“ gemacht hat. Es war eine intensive Lernzeit, neben der normalen Arbeitszeit und der Familie in meinem „fortgeschrittenen Alter“ noch einmal ein solch umfangreiches Pensum zu lernen.

Schulrecht, Pädagogik, Didaktik, Sozialformen und Lehrmethoden standen genauso auf dem Plan wie Geschichte und Psychologie. Ich habe sehr viel gelernt. Über mich und über die Schule. Es fühlt sich trotzdem seltsam an, das der Lerndruck jetzt weg ist.

Die Prüfung selbst bestand aus einem Rollenspiel im Schulrechtsteil und drei, vier zusätzlichen Fragen zur Notenverteilung, doch den größten Teil machte eine Erörterung aus, für deren Vorbereitung ich 30 Minuten Zeit hatte. Grob umrissen: ich sollte einen Bogen schlagen von den Idealen Humboldts zur „Generation Z“.

„Wie viel Humboldt möchten Sie Ihren Schülern heute angedeihen lassen, und warum?“

Und: „Warum ist der Staat abgekommen von der Schulpolitik wie Humboldt sie im Sinn hatte, was denken Sie?“

Mein Dozent grinste (freundlich) als er mir die Fragen in die Hand drückte. „Ganz ehrlich? Ich weiß eigentlich selbst nicht so recht, wie man Generation Z und Humboldt miteinander verknüpfen kann, aber wenn das jemand hinbekommt, dann Sie.“

Zwischendurch war ich so „voller Humboldt“, dass ich die Dinge die ich sagen wollte alle im Kopf hatte, aber mir einfach die Worte fehlten. Ich hätte meine Gedanken zu diesen Themen besser im Vorfeld mal mit jemandem besprochen, und mir nicht immer wieder nur überdacht. Das nahm mir zwischendurch leider immer mal den Sprachfluss, und damit den Wind aus den Segeln. Irgendwie scheine ich es aber doch geschafft zu haben.

All die Dinge wie Klafkis Theorien und seine konstruktivistisch-kritische Didaktik, die Dialektische Didaktik, die Bloomsche Taxonomie, Motivation, Pestalozzi, Binnendifferenzierung und deskriptive Möglichkeiten den Lehr/Lernstand der Schüler zu erfassen habe ich nun vor allem im Humboldtschen Sinn gelernt. Für die allgemeine Bildung, denn abgefragt wurden sie nicht. 😉

Am Ende stand die Note 1,3. Doch was mich noch mehr freute als die Zahl, waren die Worte des Dozenten der sagte, ich sei hier „genau am richtigen Platz“. In der Schule und bei den Schülern. Das tat unendlich gut und ist auch das, was ich fühle. Die Schule ist die ideale Ergänzung, zu dem was mir gefehlt hatte.

Der Rest des Tages verlief einigermaßen unspektakulär, denn ich habe bis in die Abendstunden die Examen meiner Schüler korrigiert (und mich maßlos über die Korrektur des Erstprüfers geärgert). Jetzt fiebere ich mit meinen Kolleginnen mit, die erst noch drankommen. Am Freitag Abend sehen wir uns dann ein letztes Mal zum Abendessen. Ich freu‘ mich drauf!

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Digitaler Impfnachweis – die Schattenseiten

Man hört immer wieder, dass den Apotheken diese neue Dienstleistung geneidet wird. Von vielen Seiten kommt ein: 18Euro für fünf Minuten Arbeit? Da werdet ihr ja mal wieder fürstlich belohnt!
Dass es manchmal eben nicht nur fünf Minuten sind, ist vielen nicht ganz klar, und auch, dass es zeit- und nervenraubend sein kann. Auf jeden, der im „Laden“ steht kommt mindestens ein Anruf im Vorfeld

„Machen Sie auch den äääh, Dingsbums da, den äääh digitalen ääh…“

Wir wissen schon nach dem ersten ääh, worum es geht. Ja. Klar. Machen wir. Einfach vorbeikommen, dann klappt das auch.

„Ok, und wie funktioniert das dann?“

„Sie kommen zu uns, bringen ihren Impfpass und ihren Personalausweis mit, und wir stellen Ihnen dann einen Code aus, den Sie in verschiedene Apps wie die CovPass App oder die Corona-Warnapp einlesen können.

„Geht das auch mit meiner Krankenkassenkarte?“

„Nein, wir brauchen einen Reisepass oder einen Personalausweis. Ein offizielles Dokument auf dem ein halbwegs aktuelles Foto von Ihnen zu sehen ist.“

„Aber auf meiner Krankenkassenkarte ist auch ein Bild drauf!“

„Haben Sie keinen Personalausweis?“ (Oder warum diskutieren wir hier so rum verdammt, während die Kunden vorne warten?)

„Doch, doch. Hab ich Ich wollte nur wissen, warum das nicht geht.“

„Das sind nun mal unsere Vorgaben, damit der Vorgang fälschungssicherer ist. Kommen Sie einfach zu uns, dann können wir die Probleme vor Ort besprechen, ja?“

Und natürlich landet genau der Typ dann bei mir, war ja klar.

„Wir haben vorhin telefoniert. Hier sind die Sachen, die Sie verlangt haben.“

Er legt mir seinen Personalausweis und die Kopie seines Impfausweises mit den Seiten der Coronaimpfung vor.

„Tut mit leid, das geht so nicht. Ich benötige bitte den Impfpass im Original, keine Kopie. Ich muss das Dokument prüfen, das kann ich so nicht.“

„Wieso denn das??? Ich hab doch extra die Seiten mit der Impfung kopiert!“

„Ja klar. Und wer sagt mir, dass das ihr Impfpass war?“

Das Argument zieht glücklicherweise. Der Mann geht und kommt mit dem Originaldokument wieder. Wir sind inzwischen beide etwas angefressen. Ich nehme die Dokumente an mich, schaue nach ob der Name stimmt, suche die Impfaufkleber und schaue, ob das Datum plausibel ist. Ob 2x der gleiche Arzt oder das gleiche Impfzentrum geimpft hat. Ob der Impfausweis auch noch andere Impfungen enthält, und ob das Deckblatt farbgleich wie die Seiten innen aussehen. Nicht, dass jemand nur den „Deckel“ entnommen und an ein fremdes Impfbuch getackert hat.

„Sie haben es aber wichtig. Ist das denn wirklich nötig, dass sie das so kompliziert machen? Naja… ich sags ja immer… gib dem kleinen Mann von der Straße ein bisschen Macht, und er wird gleich übermütig.“

Ich knirsche innerlich mit den Zähnen, bleibe aber ruhig. Das ist mein Job.

„So bitte. Hier sind zwei QR-Codes die sie in der entsprechenden App einlesen können.“

„Nee, nee, nee. ICH kann das sowieso nicht. Das müssen schon Sie machen.“

„Welche App haben Sie denn auf dem Handy?“

„Gar keine. Ich will mir doch nicht so eine Scheiß Tracking-App runterladen, damit die immer sehen können wo ich bin!“

„Die CovPass App hat keine Trackingfunktion.“

„Na dann laden Sie mir die mal runter.“

Sein Handy hat weder Empfang noch Guthaben wie wir im Laufe der Zeit feststellen können. Er darf sich in unser apothekeneigenes WLAN einloggen. Ich will nur noch, dass er schnell verschwindet. Im App-Store lade ich ihm die CovPass App runter und scanne die Codes ein. Zwischendurch muss er es 5-6x entsperren, da es einfach ausgeht. Ich bin froh, dass ich ihm nicht noch ein Ladekabel bringen muss. Er geht grußlos – wir bekommen schließlich 18€ für den Scheiß in den Allerwertesten geblasen, nicht wahr? Leicht verdientes Geld… wollt ihr wirklich noch tauschen?

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Etwas wehmütig…

…werde ich im Juni. Und jedes Jahr ein kleines bisschen mehr. Warum? Das liegt an meinen Schülern.

In jedem Jahr das ich bisher unterrichten durfte, wachsen sie mir ein kleines Stückchen mehr ans Herz, ist das normal? Es waren aber auch zwei außergewöhnliche Klassen, die ich in diesem Jahr begleiten durfte.

Zu Beginn fiel die Begrüßung etwas frostig aus, denn die Lehrerin von der ich meinen Kurs übernahm war alles andere als beliebt. Das besserte sich aber zusehends.

Mir wurde heute attestiert, dass ich bis zum Schluss „streng aber gerecht“ war. Dass ich selten einmal Fehler oder Mogeleien übersehe, aber nicht nachtragend bin. Dass ich viel verlange, aber auch viel vermittle. Und dass man einiges lernt, und genau so viel dabei lacht. Dass man mit allen apothekenbezogenen Themen zu mir kommen kann, und dass ich Verständnis habe. Dass man gesehen hat, wie ich mich bei blöden Fehlern ärgere, und mich über gelungenes mitfreue.

Was ich von Beginn an wirklich wollte, ist Wissen vermitteln, Freude am Beruf der PTA zu wecken, die Vielfalt der Möglichkeiten aufzuzeigen, die man mit diesem Beruf hat, aber auch die Grenzen zu verdeutlichen. Wer hier „mehr“ aus sich machen möchte, der hat es nicht leicht. Der muss die Zähne zusammenbeißen und auf vieles verzichten.

Belohnt wird man mit einem der tollsten Jobs der Welt (ja, das sehe ich immernoch so!) mit einem schönen Mix aus Büro, Handwerk, Beratung und Dienstleistung. Und wenn dann auch noch das Setting (Verdienst, Kollegen, Standort, Chef) passt, dann fängt man früh an, die Rente zu fürchten 😉

Offenbar ist mir das bei meinen Schülern ganz gut gelungen. Sie drücken mir für meine eigene Prüfung zur Technischen Lehrkraft in 14 Tagen genauso sehr die Daumen, wie ich ihnen in einer Woche wenn sie ins Examen gehen.

Warum also Wehmut? Ich weiß etwas, was sie nur ahnen können: wir werden uns nicht wiedersehen. Die Schüler erleben ihren letzten Unterrichtstag heute wie einen der letzten Meilensteine die es zu überwinden gilt. Die Zeit fliegt nur so, sie wollen es hinter sich bringen. Ich kann das total nachvollziehen – das Abenteuer Apotheke erwartet sie!

Ich dagegen blicke bald in 40-60 neue Gesichter und werde mir neue Namen merken und wieder von vorne beginnen. Werden sie genauso aufmerksam sein? Genau so witzig? Genau so sozial? Ich bin gespannt!

Ich hätte nie gedacht, dass ich etwas finde, das mir so sehr liegt wie die „Apotheke-vor-Ort“, doch ich fühle mich hier am richtigen Platz. Ich kann Neugier wecken, ich kann Dinge näher bringen und verständlich erklären. Es ist einfach schön, tut gut, gibt mir etwas, das im Alltag manchmal untergeht, nämlich Wertschätzung.

Ich habe mich heute nach dem Unterricht noch ein Stündchen ins Lehrerzimmer gesetzt – so ganz alleine am Arbeitsplatz bin ich ja gerne – und habe die Stille gehört. So lange bis unsere Putzfrau laut singend um die Ecke kam und sich erschrocken hat, dass da noch jemand sitzt. Wir haben uns dann einen Kaffee und einen Ventilator geschnappt, und noch ein bisschen gequatscht.

„PTAle“ hat sie gefragt „kennst Du eigentlich die anderen Räume auch, in denen Du nicht unterrichtest?“

„Meinst Du das Lager?“

„Nee! Die anderen Räume, die nicht zum PTA Bereich gehören!“

(An unserer Schule werden auch andere Berufe ausgebildet)

„Nein. Da hab ich ja auch keinen Schlüssel!“

„Na dann komm mal mit, ich mach ’ne Führung für Dich.“

Und so habe ich heute mehr von der Schule gesehen als in den letzten 3 Jahren. Es war sehr interessant! Und hat mir mal wieder etwas gezeigt: wenn man sich darauf einlässt und aufgeschlossen ist, wenn man grundsätzlich freundlich und optimistisch in die Welt hinausgeht, wenn man interessiert an allem ist und auch mal Stille zulassen kann, dann wird man mit tieferen Einblicken belohnt als sie andere bekommen.

Das gilt für Gebäude, für Wissen und für Menschen.

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Der digitale Impfnachweis – so lief der Tag

Wir hatten uns auf das Schlimmste eingestellt: Hundertschaften fordernder Kunden, die sich morgens früh bereits um die besten Plätze in den Warteschlangen prügeln, während der Server ständig down ist und wir uns vor Verzweiflung büschelweise die Haare ausreißen. Es kam jedoch deutlich besser.

Zugegeben – in der Früh sah es ganz danach aus, als sollten die Unkenrufer Recht behalten. Um uns im Apothekenportal anzumelden mussten wir das Passwort ändern – auf eines mit mindestens 15 Buchstaben, Groß- und Kleinschreibung sowie Sonderzeichen – doch die Seite wollte sich einfach nicht öffnen lassen. Sie blieb auch bis ca. 9 Uhr überlastet, und wir mussten die ersten Kunden unverrichteter Dinge ziehen lassen, bis es reibungslos funktionierte. Danach lief es aber wie am Schnürchen.

Gegen Nachmittag kam der Server wieder ins stocken, und wir wurden von Blackscreens und Fehlermeldungen heimgesucht, während immer mehr Menschen ihr Zertifikat abholen wollten. Rush-hour nach der Arbeit. Hinten klingelte das Telefon ständig, während niemand es abheben konnte, Onlinebestellungen gingen ein, und keiner konnte sich darum kümmern. Input-Overflow. Gab man das Geburtsdatum des Kunden ein, verschwanden mitunter Namensteile, gab man das Impfdatum ein, verschwand das Geburtsjahr. Wir mussten aufpassen wie die Luchse.

Zum guten Glück dauerte diese Phase nur etwa 30-40 Minuten. Danach lief alles wieder fast so fix wie am Morgen.

Mir tat beim nach Hause kommen alles weh vom dauernden Stehen. Manchmal fühle ich mich seit der Maskenausgabezeit wahlweise wie eine Verwaltungsfachangestellte oder eine Mitarbeiterin bei der Materialausgabe der Bundeswehr. Aber das gehört jetzt wohl einfach dazu.

Schön war der Zuspruch aus der Bevölkerung, der Dank für unsere Arbeit. Ich hoffe, das bleibt noch eine kleine Weile im kollektiven Gedächtnis der Leute hängen…

Update vom 15.06. – rien ne va plus seit 9 Uhr. Wir sind fertig mit der Welt…

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Information at its best – der digitale Impfnachweis

Wieder mal ein Spahn’scher Schnellschuss, der uns in die Bredouille bringt – der Start des digitalen Impfpasses. Quasi gestern verkündet und heute schon Realität. Naja… nicht ganz heute, aber seit heute können die Menschen nachsehen, ob ihre Apotheke mit dabei ist, bei den „Ausgabestellen“, ob sie sich bereits registriert hat.

Ab MONTAG den 14.06. kann man dann einen solchen Pass auch in der Apotheke erhalten (d.h. ein Zertifikat und einen 2D Barcode den die Cov-Pass-App und die Corona-Warnapp einlesen und speichern können). Montag Leute, nicht heute!

Und natürlich ist dasselbe passiert wie damals mit den Masken oder den Coronatests: ständig klingelte das Telefon, oder Menschen kamen in die Apotheke um sich das zu holen, was es ihrer Meinung nach schon heute geben sollte (denn man hat ja nur mit halbem Ohr die Nachrichten verfolgt).

„Was? Sie bieten das noch nicht an? Wieso denn nicht?“

„Das ist bei uns grundsätzlich schon möglich, aber erst zum offiziellen Start am Montag.“

“ Ha! Da sind sie aber sehr schlecht informiert! Das ist bereits ab heute möglich. Wie kommt es denn, dass sie das nicht wissen?“

Solche und ähnliche nette Gespräche führten wir heute und mussten die damit zusammenhängenden Informationen immer wieder Gebetsmühlenartig wiederholen. Das NERVT!

„Die haben gesagt, dass ich den Ausweis bekommen kann, wenn meine Impfung 14 Tage her ist. Aber meine zweite Impfung war schon im Februar – und jetzt???“

Ich atme tief durch. Muss ich das jetzt wirklich erklären?

Ja, wir bekommen Geld für diese Dienstleistung. Ja, darüber freuen wir uns auch von Herzen und sind bis in alle Ewigkeit dankbar… nur habe ich das unbestimmte und schlechte Gefühl, dass es wieder genauso ausgeht wie immer bei Spahns Schnellschüssen. Am Ende sind wir wieder die Dummen, weil irgendjemand die klaffenden Lücken im Gesetz ausgenutzt hat, und das Honorar wird rückwirkend für alle gekürzt, egal ob sie ehrlich waren oder betrogen haben. Kann mich da bitte jemand beruhigen?

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Dinge, die mir immernoch nahe gehen

Man sollte meinen, nach über 20 Jahren in der Apotheke hinter dem HV hätte ich schon so viele Schicksalsschläge erlebt, dass mich nichts mehr richtig erschüttert. Doch das ist falsch.

Wenn ein Mann im „besten Alter“ nach einer Hustenattacke in der Apotheke über unseren coronabesorgten Blick abwinkt und sagt: „Keine Angst, das ist kein Corona sondern ein kleinzelliges Bronchialkarzinom“, dann trifft es mich. Es legt den Finger auf die Wunde: ich mache mir zuerst Sorgen um MEINE Gesundheit (die nach zwei Impfungen eigentlich nicht wirklich gefährdet ist), obwohl ich mich um den Menschen vor mir sorgen sollte, der tatsächlich ein bedrohliches gesundheitliches Problem hat. Das beschämt mich.

Wenn eine Frau mit Tränen in den Augen die Medikamente für ihren Mann zurückbringt, weil er sie „nicht mehr brauchen“ wird, und er genau so alt ist wie mein Mann, dann trifft es mich. Weil ich mitleide, weil mir die Worte fehlen, weil die pharmazeutische Hilfe am Ende ist.

Wenn eine Mutter vor mir steht, und mir erzählt, dass sie sich gerade fühlt als sei das alles unwirklich, nicht ihr Leben, ein falscher Film – weil bei ihrem Sohn eine stark lebenslimittierende Erkrankung festgestellt wurde – dann trifft es mich. Ganz besonders weil ich die Kundin und ihren Mann wirklich mag, auch wenn ich den Sohn nicht kenne. Ich spende irgendwie ein wenig Trost, versuche es ohne dass mir selbst die Tränen in die Augen steigen, höre ein „Danke“ und schaue in die Augen einer zutiefst verzweifelten Mutter.

Und wenn das alles, alles, alles an einem einzigen Tag passiert – so wie gestern – dann gehe ich nach Hause und lasse erst mal die Tränen laufen. So lange bis mein eigenes Kind besorgt fragt, ob alles gut ist. Und ich es nur noch stumm drücken kann und einfach dankbar bin, dass es da ist und mein Leben noch nicht zum „falschen Film“ geworden ist.

Ja, auch in der Apotheke leiden wir mit, und manchmal weinen wir auch mit…

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Die imprägnierte Nase

„Wer andern in der Nase bohrt, hat selbst nichts drin!“

Das war einer der (wenigen) witzigen Sprüche zum Thema Corona-Tests in der vergangenen Woche. Manchmal fühle ich mich in meinem Testzelt wie in einer anderen Welt. In einer Welt, in der entweder viele anderen oder ich selbst gar nicht verstehe, was ich hier überhaupt mache.

Ein Beispiel über die „aufgeklärten Bürger“: ein Mann tritt grinsend an den Testplatz, lässt sich popeln und freut sich, dass er nach dem negativen Ergebnis in den Baumarkt fahren kann. (Was der Friseur den Frauen bedeutet ist der Baumarkt für die Männer – Corona zeigt uns hier ganz deutlich die Grenzen der Emanzipation auf!)

„Wissen sie, ich bin ja schon zweimal geimpft, aber das bringt ja nix haben die im Fernsehen gesagt. Das war ja völlig umsonst.“

„Was meinen sie mit „das bringt ja nix“?“

„Naja, ein Test schützt ja viel besser als eine Impfung. Deshalb komme ich ja her. Was ich nicht ganz verstanden habe: wie lange hält denn der Schutz von so einem Test an?“

„Ich verstehe gerade überhaupt nicht was sie meinen. Die Impfung schützt SIE vor einer Ansteckung. Der Test schützt ANDERE davor, sich bei ihnen anzustecken. Wäre er positiv, dann bleiben sie zuhause.“

„Ach so… Das heißt ich bin gar nicht geschützt wenn ich jetzt ins Bauhaus fahre?“

„Doch! Durch ihre Impfung. Und wenn die dann länger als 2 Wochen zurück liegt, müssen sie eigentlich gar nicht mehr hier herkommen zum testen. Dann gelten sie einfach immer als negativ.“

„Ich versteh das nicht. Im Fernsehen sagen die immer, dass das Testen schützt. Ich komme einfach weiterhin hier her. Sicher ist sicher, wissen sie?“

Ich war bedient. Während meine Kollegin Lea sich neben mir ungläubig kichernd nach hinten verzog um nicht allzu sehr aufzufallen beschlug mein Visier, und die FFP3 wurde auch etwas eng. Was denkt der gute Mann, was wir hier tun? Nasen imprägnieren? Naja… vielleicht gibts dafür ja auch was beim Baumarkt…

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Der Impfung zweiter Teil

Dieses Mal ging es ganz schnell. Kein Andrang vor dem Impfzentrum, keine Filmchen, keine Warterei. Weiterhin gab es die Frage nach eventuellen Vorerkrankungen, dann wurde sich erkundigt, wie ich die erste Impfung vertragen habe.

Und dann die Gretchenfrage: wie hältst du es mit der Religion… ääh… mit der Wahl des Impfstoffs?

Dazu wollte ich dann doch erst einmal mit einem Arzt sprechen. War auch kein Problem, und die nette Ärztin riet mir zu Comirnaty. Da ich mich vorher etwas in die „mix and match“ Strategie eingelesen hatte, kam mir das ganz recht. Ich willigte ein, und nun bin ich eine der ersten hererolog geimpften Personen.

Ich war zunächst unsicher, ob ich nicht einfach nochmal Vaxzevria von AstraZeneca nehmen soll, habe mich dann aber dagegen entschieden. Die Ärztin erzählte mir von ihren Kollegen, die wie ich die erste Impfung nur mit Schüttelfrost und hohem Fieber überstanden hatten, und nach der zweiten genau so dahingen. Da ich keine Lust hatte, nochmal zwei Tage auszufallen war das einer der Gründe, die für mich gegen Vaxzevria sprachen.

Zudem erklärte mir die Ärztin, sie habe sich selbst auch nach den ersten positiven Berichten lieber „heterolog“ impfen lassen, würde aber noch eine Antikörpertiterbestimmung in ein paar Wochen empfehlen. Ich bin jedenfalls gespannt, wie ich den BioNTec Impfstoff vertrage.

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Ich muss jetzt zum Friseur!

Niemals hätte ich gedacht, dass meine Arbeit einmal so viel mit der Planung von Friseurbesuchen zu tun hat wie jetzt zur Zeit. Seitdem für einen Besuch beim Haarbändiger die Vorlage einer Bescheinigung eines negativen Schnelltestes innerhalb der vergangenen 24 Stunden benötigt wird, sind wir mit unserem kleinen Testcenter gefragter denn je.

Die Krux an der Sache: um sich anzumelden benötigen die frisierwilligen Menschen einen Internetzugang und eine Mailadresse, auf die die Bescheinigung gesendet wird. Hier neben der Vorstadtapotheke befindet sich auch ein typischer Vorstadtfriseur, zu dem sich vorwiegend die Damen älteren Semesters hinbemühen, um sich ihre Hausfrauendauerwelle auftoupieren zu lassen. Die sind an diesen „neumodischen Firlefanz“ Internet natürlich nicht angeschlossen. Ist ja noch nie nötig gewesen – bis jetzt zumindest nicht.

Mit panikgeweiteten Augen und vor Adrenalin winzig gewordenen Pupillen stehen diese Damen nun entweder vor mir im HV, oder keuchen ins Telefon: „Waaaas? Auf der Homepage anmelden? Mailadresse??? Das hab‘ ich nicht! Aber ich muss doch morgen zum Friseur!!!“

Ich, die ich seit vielen Jahren nicht mehr beim Figaro saß kann diese Panik wiederum nicht nachvollziehen. Meine Güte, es geht ja nicht um Leben oder Tod, es sind nur Haare! Lebloses Keratin! Meine Kollegin Bergen, die in steter Angst vor einer Monobraue (dem Zusammenwachsen ihrer Augenbrauen) lebt, hatte zunächst mehr Verständnis, ist inzwischen aber auch am Ende ihrer Geduld angekommen.

Wir fingen also an, die Leute selbst ins System einzuschreiben, und uns eine neue Mailadresse zuzulegen, damit wir uns anschließend die Testergebnisse quasi selbst schicken, und für die Kunden ausdrucken können. Der Figaro hat nämlich – man glaubt es kaum – ebenfalls keinen Internetanschluss im Laden.

Inzwischen sind wir jedoch alle davon genervt, uns für die Friseurbesuche teilweise völlig unbekannter Leute Konten anzulegen, Mails zu verschicken und passende Termine für die Testung zu finden. Zudem die Dankbarkeit für diesen Service stark zu wünschen übrig lässt.

„Das ist aber kompliziert bei Ihnen!“

„Mein Gott, ich hab das Ding (Internet) im Leben noch nicht gebraucht, und jetzt verlangen SIE, dass ich mir einen Computer kaufe um meine Haare machen zu lassen?“

„Wieso können Sie sich jetzt nicht EINFACH da hinsetzen, und mir einen Zettel mit der Hand schreiben, dass ich negativ getestet bin?“

Dass das alles neben unserer normalen Arbeit (Beratungstätigkeit, Rezepturherstellung, Ware verbuchen und uns um die Betreuung kranker Menschen kümmern) passiert interessiert niemanden. Das Schlimmste finde ich ist, dass wir für unseren Service nun auch noch Prügel einstecken müssen. Mir schwant GANZ übles, wenn ich an das kommende E-Rezept denke! Die Leute haben auch nur noch SICH SELBST im Blick, wie andere unter ihrem Egoismus leiden ist irrelevant.

Nun denn… dann kümmere ich mich mal wieder um die Koordination von 20 zusätzlich reingequetschten spontanen Testterminen für den Friseurbesuch – die Hautcreme zum Anrühren für den 5-jährigen mit der juckenden Hauterkrankung hat dann wohl noch einen Tag Zeit… eine verkehrte Welt ist das gerade!

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