Wie ehrlich sollte man sein?

Als ich meine Berufsausbildung begonnen habe, schien es allgemein irgendwie wichtiger zu sein, dass man etwas Sinnvolles empfiehlt. Wenn ein Patient besser beim Arzt aufgehoben ist als bei uns, dann wurde uns eingebläut, ihn ohne etwas wegzuschicken, damit er eine schwerwiegende Erkrankung nicht verschleppt.

Das habe ich bis heute beherzigt, und meine Kollegen tun das ebenso. Gerade in den vergangenen Tagen hatten wir so einen Fall, in dem Sandra eine Kundin wieder weg schickte, die vermutlich ausgelöst durch übermäßige sportliche Aktivitäten und Stress – einen Tinnitus erlitten hat. Die Kundin hatte sich selbst im Internet belesen und wollte ein Ginkgo-Präparat kaufen. Es wäre wohl das einfachste der Welt gewesen, sie einfach mit irgendeiner Firma „glücklich zu machen“. Die Kasse hätte geklingelt, es hätte vermutlich nicht geholfen, aber hey… sie hat es doch gewollt, oder?

Über einen ähnlich gelagerten Fall hat aktuell ein Apotheker aus dem Notdienst bei Facebook berichtet, und dafür sehr viel Häme aus den eigenen Reihen erhalten:

Eine junge Kundin mit HWI und schweren Symptomen möchte einen Harntee, obwohl nebenan ein Arzt seinen Dienst tut. Der Apotheker hat ihr erklärt, warum das keine gute Idee ist, und sie ohne Harntee weggeschickt, obwohl sie nicht zum Arzt gehen wollte. Später hat ihr Ehemann angerufen und den Apotheker beschimpft, er hätte „einen an der Waffel“ und müsste (!) seiner Frau das abgeben, auch wenn es gegen sein Wissen und Gewissen gehe.

Im Netz wurde der Apotheker dann auch noch von seinen Kolleg:innen in der Facebook-Gruppe belehrt, er hätte ihr doch etwas abgeben sollen, die Dame sei schließlich aufgeklärt worden und mündig. Er hat den Thread dann letztlich gelöscht, vermutlich weil er sich über das Unverständnis geärgert hat. Ich kann das sogar nachvollziehen.

So unterschiedlich wird der Sachverhalt also inzwischen bewertet. Wer etwas haben will, bekommt das auch , trotz besseren Wissens. Ich finde das erbärmlich. Damit sind wir keinen Deut besser als die Shops im Internet, über die sich so viele aufregen. Da kann man auch 20 Nasensprays vergünstigt einkaufen, wenn man den „Achtung, nicht länger als 1 Woche am Stück anwenden- Button wegklickt. Es wurde doch informiert, oder? Was juckt mich mein schlechtes Gewissen? Das füllt mir abends nicht den Magen.

Eine heuchlerische Bande ist das. Zum Glück arbeite ich mit Chef und Kollegen zusammen, die sich noch im Spiegel ansehen können!

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Böhmermanns Nazi-A

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Jan Böhmermann macht immer mal wieder auch mit Apotheken Geschichten von sich reden. Wir erinnern uns an die Homöopathie-Story mit dem 3-Faktor- Prinzip (Verdünnen, schütteln und Scheiße labern) und dem Lied “Homöopathika wirken nicht über den Placeboeffekt hinaus) mit dem Rapper Dr. EstA (Homöopathie wirkt* | NEO MAGAZIN ROYALE mit Jan Böhmermann – ZDFneo).  

Genau mein Humor 😊

Von daher: was soll das jetzt mit dem Apotheken-A? Ist der Sommer zu lang gewesen und es gab nicht genug Dinge über du dich aufregen konntest? Lass doch bitte das A in Ruhe.

Was ist passiert? In seinem Podcast “Fest und Flauschig” forderte Böhmermann, dass sich die Apothekenzunft Deutschlands ein neues Logo zulegen sollte, denn ihm sei bewusst geworden, dass das rote “Apotheken-A” ein Nazizeichen sei. Bei einem Urlaubsbesuch im Deutschen Apotheken Museum sei ihm bewusst geworden, dass das Rote A mit der Schlange und dem Kelch nicht nur eine „ästhetische, gestalterische Beleidigung“ sei, sondern außerdem ein Produkt der Nazizeit, das es zu eliminieren gäbe.

Doch ist das tatsächlich so? Residiert jede Apotheke in Deutschland unter einem dunklen Nazizeichen, und es war uns so lange nicht bewusst, bis Jan Böhmermann uns darauf aufmerksam gemacht hat? Jetzt in unserer aufgeklärten und rücksichtsvollen Zeit, in der wir nicht einmal mehr Pipi Langstrumpf-Bücher lesen können ohne sie zensieren zu müssen und in der “Winnetou” abgeschafft werden muss um niemanden zu beleidigen? Ausgerechnet heutzutage soll es bis jetzt übersehen worden sein, dieses beinahe omnipotente Zeichen, das jede/r von uns tagtäglich mehrfach zu Gesicht bekommt?

Tatsächlich war es so, dass das Logo während der dunklen Zeit in Deutschland entwickelt wurde. Zuvor prangte an ca. 30% der deutschen Apotheken ein Logo mit drei Löffeln (da es gängige Praxis war die verordnete Medizin d´3x am Tag einzunehmen. Auch irgendwie nicht der Weisheit letzter Schluss. Ich würde da eher an eine Suppenküche denken, aber sei es drum.

Es war also nicht sonderlich beliebt und bekannt, so dass 1936 ein Wettbewerb um ein allgemeingültiges Apotheken-Warenzeichen stattfand, den dieses A hier (von Paul Weise, der mit einer Jüdin zusammenlebte) gewann:

Die Rune wurde dann nach dem Krieg herausgenommen, und durch den bekannten Gift- bzw. Arzneikelch und die Schlange (Zeichen des Heilgottes Äskulap) ersetzt.


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Wer sich für die noch deutlich umfangreichere Geschichte interessiert, die ich hier eingekürzt habe, der darf sich wie Jan Böhmermann beim Deutschen Apothekenmuseum informieren: https://www.deutsches-apotheken-museum.de/sammlung/museumsobjekte/zur-geschichte-des-apothekenwahrzeichens

Daraus jetzt eine Nazigeschichte zu spinnen und die Abschaffung zu fordern ist überzogen. Soll aber auch vielleicht nur Satire sein? Ich weiß es nicht genau. Schön fand ich, dass ich mich aufgrund des lauten Rufens Böhmermanns einmal mit der Geschichte des allgegenwärtigen “Apotheken-A” beschäftigt habe. Das war eigentlich tatsächlich schon lange überfällig..

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Coronatest- Unsäglichkeiten

Kaum aus dem Urlaub zurück ging es wieder in unser Testzelt – mit all den seltsamen Begegnungen und Fragen die einem dort so unterkommen. 

  1. Junger Mann mit Genesenenzertifikat 

Ein junger Mann steht ohne Maske vor mir im HV. Er möchte gerne ein Genesenenzertifikat und reicht mir sein positives PCR-Ergebnis durch das Plexiglas-Sichtfenster. Ich gebe routiniert die Daten ein und stutze plötzlich. Das positive Ergebnis hat er gestern (!) erhalten. Er ist völlig verwirrt, dass ich ihn daraufhin anspreche. “Wieso Quarantäne? Ich hab` gedacht, das ist schon abgeschafft! Aber ich darf doch raus, wenn es um meine Gesundheit geht!” Dass das Zertifikat erst 28 Tage nach dem positiven Ergebnis “gilt” hat er auch noch nicht gehört. Die Bitte draußen zu warten oder wenigstens eine Maske zu tragen ist natürlich eine Zumutung. Er kann zurzeit ja gar nicht so gut atmen oder Luft holen wegen der Erkrankung. Wir haben doch das schützende Plexiglas, nicht wahr?

2. Tests immer und zu allen Zeiten 

Da wir uns immer noch in der Ferienzeit befinden, sind wir in der Apotheke nicht vollzählig. Unsere Testzeiten haben wir daher auf bestimmte Tageszeiten eingeschränkt. Trotzdem rufen ständig Leute an (oder kommen direkt in der Apotheke vorbei), die hier jetzt und sofort eine Testung verlangen. Sie verstehen nicht, dass es für uns finanziell unrentabel ist, uns für einzelne Patienten komplett einzukleiden, den Abstrich zu nehmen, ihn auszuwerten und rauszuschicken. Das ist doch unser Service als Teststation! In erster Linie sind wir aber eine Apotheke. Und wenn es wirklich dringend ist und nicht hätte vorhergesehen werden können (plötzlicher Krankenhausbesuch bei gerade erst eingelieferten Familienangehörigen etc.), dann machen wir das trotz Personalengpässen. Aber es gilt wie so oft: wie man in den Wald hineinruft… 

3. Wie man eine Testkassette abliest 

Junge Frau an der Station zum PCR-Test nach positivem Schnelltest zuhause. Ihr Freund ist (noch) negativ. 

“Gut, dass ich mir gleich fünf Tests gekauft habe, da kann er jetzt jeden Tag gucken, ob es ihn auch erwischt hat. Wie lange dauert es eigentlich bis mein Strich weg ist?” 

“Och, das kommt drauf an, an welchem Tag sie sich angesteckt haben, und wie gut ihr Immunsystem arbeitet. Aber es dauert meistens 7-10 Tage bis der weg ist.” 

“Ach so? So lange? Aber ich wollte meinen Freund jetzt eigentlich gleich testen lassen, wenn er von der Arbeit kommt!” 

“Ja, das kann er auch machen. Und dann am besten jeden Tag einmal, bevor er zur Arbeit geht. Nicht dass er dort jemanden ansteckt!” 

“Aber mein Strich ist doch dann noch da.” 

“Ja” 

“Aber dann funktioniert das doch nicht! Da sehe ich doch gar nicht ob der von ihm oder von mir ist!” 

“Irgendwie reden wir aneinander vorbei glaube ich! Sie haben doch gesagt, Sie hätten 5 Tests gekauft. Sie müssen jedes Mal einen neuen nehmen! Sie haben doch dann noch vier Stück zuhause, oder?” 

“Ja klar habe ich noch vier zuhause. Aber eben nur so ein Gerät mit den Streifen!” 

Irgendjemand aus dem Bekanntenkreis hat ihr wohl eine Testkassette und fünf Nasenabstrichstäbchen gegeben (oder verkauft). Sie dachte, sie muss nur warten bis der Strich weg ist, dann könnte sie die Kassette mit einem neuen Abstrichstäbchen wiederverwenden. Nach über 2 Jahren Pandemie!!! 

Da kommt man doch gerne wieder aus dem Urlaub nach Hause, nicht wahr? Wie gut, dass wir immer eine Maske tragen, da fällt das entgleisen der Gesichtszüge nicht so auf

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Warum Statistik doch toll ist :-)

Statistik – wer hätte gedacht, dass ich dich tatsächlich einmal interessant finden würde? Ich hatte ja erwähnt, dass ich mich um mich auf mein kommendes Studium vorzubereiten in meinem Urlaub etwas “eingrooven” wollte. Dazu habe ich mir ein Buch zugelegt, das mir nach Jahren der Schulbank-Abstinenz die Statistik etwas näherbringen sollte. Wie so oft war der Wunsch hier vor allem der Vater des Gedanken, denn ich habe natürlich meine freie Zeit nicht ausschließlich statistikbüffelnd am Ostseestrand verbracht – aber ich habe mir bereits einige Kapitel gegönnt, und sie waren nicht halb so langweilig wie ich befürchtete.

Dass irgendwas davon auch hängengeblieben ist habe ich in der vergangenen Woche bemerkt, als ich mir diesen Artikel bei DocCheck durchgelesen habe: 

https://www.doccheck.com/de/detail/articles/39827-wenn-aerzte-und-apotheker-an-einem-strang-ziehen

Im Groben geht es um eine Studie der DIVI. Das Fazit der Studie: integrierte Stationsapotheker seien im Team der deutschen Intensivstationen sehr geschätzt, Intensivmediziner sähen bei der interprofessionellen Zusammenarbeit mit Apothekern positive Auswirkungen auf die Arzneimittelsicherheit schwerkranker Patienten, und zusätzlich sei eine Arbeitserleichterung beim Medikationsmanagement hochkomplexer Therapieregimes erkennbar. Durchweg positives Fazit also, ich bin beeindruckt.

Ich bin kurz beeindruckt. Dann denke ich nach. Wann hätte ich JEMALS davon gehört, dass sich die meisten Intensivmediziner wirklich um die Meinung eines Apothekers scheren? Hört man aus deren Reihen nicht eher häufig verächtliche Töne in Richtung der “Schubladenzieher”? Heißt es nicht immer wieder “Schuster bleib bei deinen Leisten” wenn sich ein Pharmazeut wagt, sich auf dem Hoheitsgebiet der Ärzte zu bewegen? Haben wir nicht erst kürzlich durch bestimmte Ärzteverbände gehört, der Apotheker sei Kraft seines Studiums nicht dazu in der Lage, die Patienten hinsichtlich ihrer Medikation zu beraten?

Ist es dann wirklich wahrscheinlich, dass die Stationsapotheker so voll Lob über den Apothekerstand sprechen? Ich bin skeptisch, schaue mir die Studie genauer an und habe dabei mein neu erworbenes Statistik-Wissen im Hinterkopf.

  • 1. Wer hat die Studie initiiert, und gibt es eine These, die gestützt werden soll?

Die Studie wurde durchgeführt von der DIVI, der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e.V. Der Verein hatte bereits im Jahr 2010 eine erste Empfehlung zur Einbindung von Apothekern in Visiten herausgegeben. Ich persönlich halte das ebenfalls für sehr sinnvoll, nicht dass wir uns da jetzt falsch verstehen. Aber es gibt schon einmal einen kleinen Hinweis darauf, dass das Ergebnis das herausgekommen ist auch ebenso gewünscht war. Ist ja auch grundsätzlich nicht tragisch. Die Quelle jedenfalls ist seriös.

  • 2. Wie viele Zielpersonen wurden denn gefragt? Und wie hoch war die Beteiligung?

Verschickt wurden 1549 Survey-Einladungen. Zurück kamen 168 Datensätze, bei denen einer nicht auswertbar war, und nur 58 der Antwortenden überhaupt einen Stationsapotheker vorweisen konnten. Die Rücklaufquote betrug also lediglich 11 % (168/1549). Statistiker werten Quoten die über 70% liegen erst als zufriedenstellend. Knapp über 10% sind verheerend, die sich daraus ergebenden Werte sollten ignoriert werden, denn sie sind nicht aussagekräftig. Würde man den nicht antwortenden Personen unterstellen, dass ihnen die Frage nach den Stationsapothekern am A… vorbeigeht (was ich jetzt mal ganz frech auch so unterstelle), dann ergibt sich ein komplett anderes Bild und ein völlig anderes Fazit aus dieser Umfrage.

Einer der Merksätze aus meinem Statistikbuch war, dass man lieber eine kleinere Gruppe befragt, und aggressiv dafür Werbung macht, dass diese auch einen entsprechenden Rücklauf hat, als mit einer geringen Antwortgruppe zu arbeiten. Und genau das ist hier das Problem.

Was lerne ich daraus: ich muss viel häufiger solche Artikel hinterfragen und mir genau diese Grunddaten betrachten. Und natürlich, dass Statistik wohl doch gar nicht so übel ist, wie ich befürchtet hatte 🙂

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Ptachen im Urlaub

Urlaub – Sonne, Sand und Meer – ich bin an der Ostsee. Sitze in meinem Strandkorb und schalte ab. Ganz ab.

Neben mir sitzt ein Ehepaar im Nachbarkorb und unterhält sich über diverse Zipperlein. Sie spricht darüber, wie gut die Seeluft für ihr Asthma ist, und wie gut das Salz und die Sonne seiner Psoriasis tut. Schade, dass man das nicht einfach in den Koffer packen kann für den Winter wenn es wieder so schlimm wird. Es kribbelt. Ich will fragen, ob er im Winter Zuhause Solebäder mit Salz aus dem Toten Meer und danach UV-Bestrahlung (Balneophototherapie) ausprobiert hat. Ich will fragen, welche Cremes er zur Basispflege benutzt und was ihm der Arzt für den Akutfall aufgeschrieben hat. Ob er auch systemisch behandelt wird. Ich reiße mich zusammen. Ich bin im Urlaub, und mich hat auch niemand nach meiner Meinung gefragt. Ich bin entspannt.

Einige Minuten später sehe ich ein weinendes etwa vierjähriges Mädchen. Sie ist auf dem Weg oben gefallen und hat sich das Knie aufgeschürft. Die Mutter ist schon da und beruhigt sie. Sie hat eine Erste Hilfe Tasche in ihrem Rucksack. Alles gut. Sie pustet auf die Kniewunde und klebt ein normales Pflaster drüber. Wieder will ich eingreifen. So eine Wunde gehört erst mit Wasser vorsichtig abgespült, mit einem Wundgel bedeckt und dann erst abgeklebt. Die Zellen, die für die Wundheilung zuständig sind arbeiten nicht im trockenen, sondern nur im feuchten Milieu! Zudem werden beim Pusten Bakterien auf die Wunde übertragen, und das Pflaster klebt heute Abend ganz sicher so fest auf der Wunde drauf, dass es nochmal Tränen gibt, bis es runterkommt. Nein, nein, nein! Ich bin nicht in der Apotheke!

Ich verstecke mich hinter meinem Statistikbuch und habe kurz Ruhe. Da sehe ich die Frau von nebenan, wie sie ihr cortisonhaltiges Asthmaspray komplett falsch inhaliert und danach den Mund nicht ausspült. Waaaah! Ich gehe jetzt ins Wasser und schwimme eine Runde. Bevor ich zurück in unsere Ferienwohnung gehe nehme ich mir vor, der Dame von nebenan wenigstens die Pharmazeutischen Dienstleistungen ans Herz zu legen, damit sie sich zum Inhalieren einmal im Jahr in ihrer Apotheke ordentlich beraten lässt.

Ptachen im Urlaub 🙂 Gar nicht so einfach wie es aussieht…

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Nur mal eben schnell…

„Dein Medikament habe ich zu morgen früh bestellt. Ich hole es dann ganz früh nur mal eben schnell aus der Apotheke ab, und fahre dann weiter zum Einkaufen.“

Mein Mann lacht: Ja nee, ist klar. Nur mal eben schnell… das klappt doch sowieso nicht!

Ich verstehe überhaupt nicht was er meint. Die Kolleginnen sind doch um die Uhrzeit noch gar nicht da! Er meint, das sei egal, ich fände dort immer irgendwas das zu tun ist. Blödsinn.

Heute früh schließe ich also frischen Mutes die Apothekentüre gegen 7 Uhr auf, fest entschlossen, nur mal eben schnell das Medikament zu holen. Ich fahre den Hauptrechner hoch und denke nach. Wenn ich jetzt sowieso warten muss bis der oben ist, dann kann ich auch die Kassen anmachen, Stempel umstellen und den Riegel an der Türe entfernen. Dann haben die Kolleginnen nachher nicht so viel Stress.

Beim vorlaufen sehe ich, dass das Zeitschriftenregal fast leer ist. Das hatte ich ja gestern noch erledigen wollen aber dann vergessen. Mach ich mal eben schnell noch, das war ja auch quasi meine Schuld, ne?

Beim vorlaufen sehe ich, dass der Hauptrechner „da“ ist. Im Vorbeigehen schalte ich schnell den Kommissionierautomaten an. Das kostet ja keine Zeit!

Beim Zeitschriften holen fällt mir auf, dass unsere kleine Küche mit benutzten Gläsern vollsteht. Die haben gestern nicht mehr in die Spülmaschine gepasst. Ist ja auch nicht schön wenn die Kolleginnen so ihren Tag anfangen. Und Spülmaschine aus- und einräumen dauert ja auch nicht ewig…

Ich bin fertig und öffne die Großhandelswannen um mein Medikament rauszuholen. Soll ich gleich noch fix den Auftrag verbuchen? Wenn die Kiste eh schon offen ist? Plötzlich muss ich lachen und meinen Mann gedanklich fest drücken. Er kennt mich offenbar besser als ich mich selbst 🙂

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Ein ganz normaler Samstag…

Sandra und ich hatten heute einen eigentlich ganz normalen Samstag.

Ständig klingelte das Telefon, und die Leute wollten entweder einen Schmelltest oder einen PCR Test – doch samstags sind wir nur zu zweit in der Apotheke. Da haben wir wirklich keine Zeit um… ach so… die Mama in der Klinik seit gestern. Ok. Ausnahme. Kommen sie vorbei.

Oh, der Großhandel hat 40 Minuten Verspätung meldet eine Mail – gut, dass wir das jetzt schon erfahren, wo auch nur drei entnervte Leute in der Offizin auf ihre Bestellungen warten. Jaaa. Kein Problem. Das erklären wir doch gerne *schluck*

Ach, ne Rezeptur ausnahmsweise? Kommt ja offenbar nur noch in Spezialfällen vor, und macht auch nicht mehr jede Apotheke sagt der Experte Dr. Christoph Specht (Arzt und Medizinjounalist) im Fernsehen. Komisch, heute ist das schon die fünfte die ich zu Montag annehmen muss. By the way: der „Experte“ hat offenbar keinen blassen Schimmer davon, dass JEDE Apotheke in Deutschland dazu VERPFLICHTET ist, Rezepturen herzustellen, und das mitnichten die Apotheker:innen übernehmen (zumindest in den meisten Fällen), sondern es dafür Spezialpersonal gibt – die PTA! Aber gut, so ist das eben in der Wirklichkeit, das andere war ja nur Fernsehen…

Oh. Schnelltest am Samstag? Nein, wir sind wirklich zur Zeit unterbesetz… äh was? Die Oma hat Geburtstag und das Pflegeheim lässt sie ohne Test nicht rein? Und in der näheren Umgebung gibt es keine Teststation? Najaaa… aber BITTE: sie sagen das NICHT weiter, ok? Ich kann mich drauf verlassen? Dankeschön!

Guten Tag, was kann ich für Sie tun? FFP2-Masken haben wir, ja klar! Wie jetzt eine Nummer größer, damit sie so gut Luft bekommen und die so klasse gemütlich ist wie die, die Sie gerade tragen? Sie wissen schon, dass die unter dem Kinn nicht anliegt sondern komplett offen ist? Ach so, das ist erst seit ein paar Tagen so? Na dann… Haben Sie mal drüber nachgedacht, in dem Fall gar keine Maske mehr zu tragen? Ach so? Das ist zu gefährlich?

Hallo liebe Dame mit drei Kindern, was kann ich für Sie tu… was? Schnelltest? Ääh samstags haben wir nicht geöffnet. Ach, sie haben den heißen Tipp einfach herzukommen von ihrem Nachbarn dessen Oma heute im Pflegeheim Geburtstag feiert? Na das ist ja Spitze…

Wie gesagt, ein ganz normaler Samstag- am Schluss waren wir uns einig, dass es wieder mal toll war, zusammen zu arbeiten. Immer wieder gerne – hier in der Vorstadtapotheke. Da wird es wenigstens nicht langweilig 😉

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Hasenfuß

Da liegen sie vor mir, meine Immatrikulationsunterlagen… ich habe sie zuerst voller Freude ausgefüllt, bis ich etwas über den Workload gelesen habe. 35-40 Stunden in der Woche sollte man einplanen steht da. Und die habe ich nicht.

Ich arbeite viel – gerne, liebend gerne sogar, aber viel. Wie soll ich das schaffen? Ich bin schließlich auch keine 20 mehr.

Was, wenn ich es nicht schaffe? Was, wenn ich doch zu alt dafür bin, zu träge im Geist, zu blöd, zu ambitioniert? Was, wenn ich mir (und allen Menschen in meinem Umfeld) den Beweis dafür liefere, dass ich einfach nicht intelligent genug bin, um ein Studium hinter mich zu bringen?

Ich habe vorhin kurz mit Sandra telefoniert. Sie sagt, ich solle das Papier jetzt ausfüllen, und zwar mit der gebührenden Freude dabei. Ich solle mich nicht von diesen 40 Stunden einschüchtern lassen. Sie sagt, ich würde die Zeit dafür finden, wenn ich sie brauche. Ich solle nicht planen, wo und wann ich lerne, ich solle es tun.

Ich grüble so viel in den letzten Tagen. Das fällt auch in meinem Umfeld auf. Lade ich mir zu viel auf? Falls ja – auf was kann oder will ich verzichten? Ist es klug mit über 40 nochmal zu studieren? Wem will ich damit etwas beweisen? Nur mir selbst? Brauche ich das wirklich?

Auf der anderen Seite stehen die hässlichen Worte, die ich mir anhören muss, wenn irgendwo ein Artikel von mir veröffentlicht wird. Wie ich als „Hilfsperson“ mir anmaßen kann über fachliche Themen zu texten. Dass ich mir als jemand der „nicht einmal studiert hat“ grundsätzlich die „Qualifikation fehlt“.

Zudem habe ich erfahren, dass ich als PTA demnächst gar nicht mehr alleine mit meinen Schülern im Labor stehen darf, sondern zwingend einen Apotheker/eine Apothekerin (oder jemanden der einen irgendwie artverwandten Beruf mit einem Master abgeschlossen hat) an meiner Seite brauche. Ich bin also quasi als „nur“ PTA nicht mehr qualifiziert genug für die Standesvertretung.

Meine Kolleginnen und mein Chef wären die einzigen Apotheker:innen mit denen ich mir das vorstellen könnte, denn da weiß ich, dass nicht auf mich herabgeblickt wird. Aber die möchten alle nicht unterrichten (leider). Also muss ich mich jetzt entscheiden: studieren oder die Klappe halten und die Herabsetzung weiterhin ertragen.

Ich bin nicht der Typ dafür die Klappe zu halten. Und meine Schule hält genug von mir und meiner Arbeit, um die Kosten des kompletten (Bachelor- und Master-) Studiums zu übernehmen. Also stelle ich mich der im Moment fast unüberwindlich scheinenden Angst, die mich mein Leben lang begleitet.

Der Angst nicht gut genug zu sein. Nicht klug genug zu sein. Nicht intelligent genug zu sein. Wir werden sehen was die nächsten 5 Jahre zu Tage bringen. Drückt mir die Daumen!

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Undurchdacht und kompliziert- die neue Testverordnung

Ich muss glaube ich nicht viel dazu sagen, wer ab jetzt alles „Anspruch“ auf einen kostenlosen- oder auch den 3€ Antigen-Test hat. Wer es nochmal nachlesen möchte- bitte schön

Nur: wie sollen wir die Gründe dokumentieren? Müssen wir jetzt immer eine Eigenerklärung des Kunden unterschreiben lassen, oder genügt es, wenn er die Gründe für die Testung bei der Buchung des Tests über unser System einfach anklickt?

Und wenn das klicken genügt: wie soll ich im Testzelt nachprüfen, ob die Angaben richtig sind? Ok, den Mutterpass kann ich mir zeigen lassen, aber genügt das? Oder muss ich den auch noch kopieren und verakten?

Aber was ist mit einem Kinobesuch? Soll ich jetzt die Eintrittskarten kontrollieren? Die Probanden halten mich dann entweder für unverschämt, verrückt oder krankhaft misstrauisch, oder? Und wie kopiere ich dann eine elektronische Eintrittskarte? Muss ich kontrollieren, ob Herr Müller heute tatsächlich seine alte Tante im Pflegeheim besucht? Wer überlegt sich denn so einen Unsinn?

Die KV hat bereits reagiert und will die Antigen Tests zukünftig nicht mehr abrechnen. Wen wundert das wirklich? „Im Ergebnis können die Kassenärztlichen Vereinigungen nicht verantworten, sehenden Auges Auszahlungen auf Abrechnungen zu leisten, deren Richtigkeit sie nicht ansatzweise prüfen können“ heißt es in einem Brief an Gesundheitsminister Lauterbach.

Recht haben sie! Wir Apotheken sollten uns anschließen und auf Rechtssicherheit pochen. Wenn nicht geklärt ist, wie wir dokumentieren müssen und die Angaben der Bürger überprüfen sollen, dann müssen wir unsere Arbeit in diesem Bereich einstellen, bevor wir alles umsonst geleistet haben, und uns auch noch Betrug unterstellt wird.

Eine selten dämliche Situation kurz vor der Herbstwelle hat uns die Politik da eingebrockt. Mir schwant fürchterliches!

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Geflüchtete in der Apotheke

Wir haben schon recht früh als der Russland-Ukraine-Krieg begonnen hat in der Apotheke Sammelboxen aufgestellt. Wir sammeln dabei für die „Apotheker ohne Grenzen“, die versuchen dringend benötigte Medikamente in die Ukraine zu transportieren. Seit einiger Zeit ist der Krieg aber noch etwas näher gerückt, denn immer mehr Geflüchtete werden bei uns in der Vorstadt einquartiert.

Bei den meisten Menschen, die zu uns kommen und kein Deutsch sprechen konnten wir uns bislang mit Englisch, Türkisch oder ein paar Brocken Französisch oder Spanisch durchschlagen- das ist nun anders. Zum Glück gibt es die Übersetzungen und Beratungshilfen der Pharmazeutischen Zeitung

Die haben wir uns ausgedruckt und einlaminiert, so dass wir die benötigten Sätze ankreuzen können, oder unser/e Kunde/Kundin das machen können, und wir wischen das danach einfach mit Alkohol wieder aus.

Auch an die Sozialamts-Rezepte musste ich mich erst einmal gewöhnen. Wie war das noch? Ach ja: sie dürfen nur in dem zuständigen Regierungsbezirk beliefert werden, ein konkreter Kostenträger muss also vermerkt sein. Steht „Sozialamt“ oder eine Krankenkasse auf dem Rezept müssen Mehrkosten übernommen werden, steht die Bezirksregierung drauf, dann nicht. Rabattverträge greifen hier keine.

Probleme können dann auftreten, wenn kein Arznei- bzw. Hilfsmittelversorgungsvertrag für das Verordnete besteht. Das lässt wieder Raum für Retaxierungen. Hier ist es zumindest bei höheren Summen sinnvoll, sich im Vorfeld mit dem Kostenträger auseinanderzusetzen.

Die Zuzahlungen werden übernommen, wenn „gebührenfrei“ angekreuzt ist. Gebührenfrei sind Geflüchtete bis 18 Monate nach der Flucht. Dann werden sie pflichtig. Da wir in der Apotheke aber nicht nachprüfen können, wie lange der/diejenige bereits hier ist, gilt für uns nur das durch den Arzt gesetzte Kreuz. Das ist nicht prüfpflichtig.

Puuuh. Ganz schön viel Regelungen, die hier wieder zu beachten sind. Aber das kennen wir ja schon. Was bin ich froh, dass ich kein Berufsanfänger mehr bin, mir die ganzen Regelungen so nach und nach aneignen konnte und nicht alle auf einmal lernen musste!

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