Kundentypen Teil 2 – Die nette Oma von nebenan

Die nette Oma von nebenan

Die nette Oma von nebenan ist auf den ersten Blick eine Seele von Mensch. Niemand würde nach dem ersten oder zweiten Besuch von ihr denken dass sie einmal beinahe so begeistert empfangen wird wie der Choleriker aus Teil 1.

Bedient man sie das erste Mal erkundigt sie sich gleich nach Name, Herkunft und Familienstand  (nicht aufdringlich, eher interessiert forschend à la „Oh, ein neues Gesicht! Wo kommen Sie denn her junge Frau?“) und erzählt auch etwas von sich. Gut, vielleicht etwas viel und weitschweifig, aber man weiß ja wie oft gerade ältere Menschen vereinsamen wenn der Partner gestorben ist und sie entweder keine Kinder haben oder diese weiter weg gezogen sind. Man hört sich alles freundlich an, weiß bald wie sie die Kriegsjahre verbracht hat, wo die Bombenschutzkeller waren, wie hart am Wiederaufbau gearbeitet wurde etc. Die Verabschiedung ist freundlich „Bis bald einmal wieder meine Liebe, war nett mit ihnen zu plaudern!“

Zu dem Zeitpunkt ist einem noch nicht klar dass das als Drohung zu verstehen war.

Denn das nächste Mal wenn sie kommt (am nächsten Tag) wird sie sich erst freundlich nach dem Befinden erkundigen, ob man sich schon eingelebt hat – um schnell die Kurve zu bekommen und dir die gesamte Kriegsgeschichte wieder zu erzählen, und dass die Kinder ja leider so weit weg wohnen und nur 1x die Woche anrufen etc.

Gekauft wird nach 20min quasseln eine Packung Blockmalz oder Ricola Kräuterzucker für 1.95€ und du bist schon deutlich genervter als am Tag zuvor.

Am folgenden Tag steht dann wer gleich um 9 Uhr in der Tür? Genau. Die Trümmerfrau a.D. um dir die bekannte Geschichte zu wiederholen. Das ist dann der Zeitpunkt an dem du verstehst warum die Kinder so weit weg gezogen sind.

Man versucht das bei Kommunikationsseminaren gelernte nonverbale auf Abstand gehen anzubringen – und merkt schnell dass sich bei ihr sogar der Seminarleiter die Zähne ausgebissen hätte. Da hilft kein Arme vor der Brust verschränken, kein gelangweiltes an die Decke blicken, kein Schritt zurück gehen. Die Dame bleibt selbst dann hartnäckig wenn sie dir ihre Kriegserinnerungen auf 5 Metern Abstand entgegenrufen muss.

Alles was da hilft ist ein dringendes Telefonat (angerufen von einer mitleidigen Kollegin oder dem verständnisvollen Chef) das dich LEIDER unabkömmlich macht.

Aber Vorsicht! Wenn die Dame raus gegangen ist empfiehlt es sich noch eine kleine Weile hinten außer Sichtweite zu bleiben. Mach eine Rezeptur, räum Ware ein, egal. Denn die nette Oma ist ein schlauer Fuchs und lauert oft draußen vor den Schaufenstern darauf dass du dich wieder blicken lässt um dann schnell durch die Türe zu treten

„Ach sie sind ja schon fertig mit Telefonieren, das ging ja schnell! Wo war ich stehen geblieben? Ach ja…“

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Über ptachen

PTA mit Leib und Seele. Mittleres Alter, mittleres Gewicht, mittlere Optik. Meistens freundlich (bringt der Beruf so mit sich), etwas chaotisch, viel erlebt, viel gelitten. Bin jetzt mit mir im Reinen :-)
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3 Antworten zu Kundentypen Teil 2 – Die nette Oma von nebenan

  1. Molly L. schreibt:

    Ein fingierter Anruf also, soso. Wir haben das mal bei Quasselstrippen am Telefon versucht, Herr L. oder ich rufen dann schonmal hörbar: „Schatz, Essen ist fertig!“ oder „Schatz, ich brauch Dich hier mit dem Baby oder so!“
    Klappt aber nicht immer: Schon erstaunlich, wie hartnäckig manche Menschen sein können! Oder merken die das gar nicht?
    Ach so, da ich schonmal hier bin, ich wollte ja noch erzählen, wie das damals war an unserem ersten Ostern und zwar … 😉

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  2. ptachen schreibt:

    Manche Menschen merken das wirklich nicht – privat habe ich auch so ein paar Kandidatinnen die ich einfach nicht zum auflegen bewegen kann. Selbst die Floskeln „So, wir sehen uns ja dann morgen wieder…“ Pause „Dann machs mal gut, ne?“ helfen da nicht. Da wird dann fröhlich das nächste Thema raus geholt.
    Gibt’s sogar bei Leuten die man eigentlich gerne mag. Werden das dann später die „netten Omis von nebenan“? Man weiß es nicht…

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    • Molly L. schreibt:

      Oh ja, kenne ich! Da sind Kinder dann ganz praktisch (beim Telefonieren): „Ja … ja … ja … Oh! Sorry, muss auflegen, das Kleinste macht-“ *Klack* 😉

      Ich habe da auch ein, zwei Leute, bei denen hilft kein „Du, ich muss jetzt …“ oder „Wir wollten grade mittagessen“, *seufz*
      Daher schonmal Notwehr s.O.

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