Rezepturen

Rezepturen sind in unserer Apotheke mit Abstand die am häufigsten abgerechnete Pharmazentralnummer.
Was das bedeutet? Vor allem einen hohen Verwaltungsaufwand.
Jede einzelne Rezeptur muss vor der Herstellung genau geprüft werden
– ist die Wirkstoffmenge plausibel
– ist die verordnete Menge sinnvoll
– passen die Wirkstoffe und die Grundlage chemisch zueinander
– hat der Arzt eine Dosierung aufgeschrieben?
Ist das alles gewährleistet muss es schriftlich dokumentiert werden, wie auch die anschließende Herstellung mittels Protokoll in das die genauen abgewogenen Mengen der Inhaltsstoffe eingetragen werden samt Chargennummern und deren Prüfprotokollen. Früher konnten wir den Patienten sagen „Das mache ich schnell mal fertig, warten Sie nur 10min“, heutzutage schicken wir die Leute morgens weg, sie mögen am Nachmittag wieder reinschauen. Manche Apotheken weigern sich den ganzen Wust an Dokumentation zu stemmen und sagen den Kunden dass die Herstellung 3 bis 4 Tage benötigt, so dass die Leute sich die Rezepturen woanders anrühren lassen. In meinen Augen nicht in Ordnung…
Wir haben aber auch ein paar uralt- Rezepturen aus dem Fundus der Vorgängerin des Chefs die nicht dokumentiert werden, da sie erstens nicht auf Rezept verordnet werden und zweitens wahrscheinlich die Plausibilitäts- und Unbedenklichkeitsprüfung nicht bestehen würden 🙂
Dazu gehört ein Anti-schwitz-Deo im Deoroller mit reichlich Aluminiumchlorid, ein Grasmilbenmittel mit Steinkohleteerlösung für Hunde und eine Bartwichse für den örtlichen Bartclub.
Das Deo verstopft sicherlich sämtliche Poren, scheint aber auch in hartnäckigen Fällen Wunder zu wirken und die Milbenlösung stinkt erbärmlich, ist aber offenbar ähnlich effektiv.
Die Bartwichse ist die am zweitmeisten gehasste Rezeptur „ever“. Wer schon einmal 20min lang Wachs, Schmierseife, Arabisches Gummi und Rosenwasser auf einem Wasserbad gerührt hat wird den Geruch nicht vergessen!
Die blödeste Rezeptur haben wir uns allerdings selbst eingebrockt! Herr Fuchs hat früher immer ein bestimmtes Magenpulver eingenommen das ihm mit seinem Sodbrennen geholfen hat wie nichts anderes. Plötzlich hat es die Firma aus dem Vertrieb genommen weil es nicht genug Umsatz gebracht hat. Er hat uns sein Leid geklagt und wir haben bei der Firma angerufen. Sie haben uns dann die „geheime Rezepturformel“ gefaxt und seither bauen wir das Pulver nach. Alle Bestandteile müssen jedoch vorher im Porzellanmörser so fein zerrieben werden, dass sie durch ein bestimmtes Sieb passen. Wenn man mit dem Magenpulver fertig ist, ist man es selbst auch – völlig erledigt. Und am Tag darauf ist erst mal Muskelkater angesagt. Aber soll ich euch was sagen? Ich will nicht drauf verzichten, denn das ist die wirklich originäre Arbeit der PTA – und etwas das weder das Internet noch irgendeine Versandapotheke leisten kann oder will!

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Über ptachen

PTA mit Leib und Seele. Mittleres Alter, mittleres Gewicht, mittlere Optik. Meistens freundlich (bringt der Beruf so mit sich), etwas chaotisch, viel erlebt, viel gelitten. Bin jetzt mit mir im Reinen :-)
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13 Antworten zu Rezepturen

  1. ednong schreibt:

    Bartwichse – hehe, wie das wieder klingt. Und ist das echt kostengünstiger, so etwas in der Apotheke anrühren zu lassen?

    Und da kommt die kleine Hexe durch 😉

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    • ptachen schreibt:

      Sowas gibt es auf dem freien Markt wohl gar nicht. Jeder Bartclub hat da wohl sein „Geheimrezept“ das individuell hergestellt wird. Teuer ist das jedenfalls nicht. 9.50€ etwa für 50g die gut 1/4 bis 1/2 Jahr reichen. Nur ich bin damit gut 3/4 Stunde beschäftigt.

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  2. Delilah schreibt:

    Aluminiumchlorid-Deo und Steinkohleteer-Lösung haben wir auch, beides auch mit Plausibilitätsprüfung (Aluminiumchlorid wird auch an der Uni gelehrt). Bartwichse ist schön. Mein Highlight bisher: Ich war noch PJler (Pharmazeutin im Praktikum), da kam der Apotheker zu mir, er hätte eine Aufgabe ‚für meinen pharmazeutischen Sachverstand‘ (hieß bei ihm in der Regel sowas wie Apothekenumschau stempeln). Aber diesmal war es ein Herr aus Russland, der eine Flasche Sanddorn-Öl mitgebracht hatte (auch aus Russland, der kiryllisch bedruckten Verpackung nach). Er hätte Hämorrhoiden und wolle dafür jetzt Sanddorn-Öl-Zäpfchen. Dafür durfte ich mir dann eine Rezeptur ausdenken und herstellen 😀 Habe dann 5% irgendwie ins Hartfett eingearbeitet bekommen, dass sie doch noch fest wurden…immerhin waren sie schön gelb.
    DAS war definitiv unplausibel!

    Und ablehnen tue ich Rezepturen nur, wenn der Arzt unkooperativ ist (total unplausible Rezeptur und er wills trotzdem, ich finde es aber bedenklich) oder im Notdienst. Die meisten Salben sind nicht so dringend, dass sie nicht einen Tag warten können und für alles andere…fehlt die Zeit, leider.

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  3. stuttgarterapothekerin schreibt:

    Plausi….ich kanns nicht mehr hören!
    Der Herr Poffesser von der Hautklinik schreibt das aber schon seit 20 Jahren so auf, das ändern wir nicht.
    Ja, genau, wenns der Herr Poffesser so aufschreibt richten sich die physikalische Chemie (=Creme/Lotion bricht nicht), die normale Chemie (=Wirkstoff zersetzt sich nicht) und die Mikrobiologie (=Bakterien wachsen nicht) sofort danach.
    Der Herr Poffesser hat ja auch in seinem Leben schon mindestens zigtausend Salben gerührt…..*seufz*

    Wird nur noch getoppt von Vorzimmerdrachen = Sprechstundenhilfen (ich unterscheide Sprechsundenhilfen von MFAs, gelle!), die Etiketten ohne Lesebrille und ohne Sachverstand abschreiben.

    Und dann noch der Kunde, der nicht versteht, warum wir nicht begeistert sind, für einen Aufwand von mindestens 45 min ca 5 € Umsatz zu haben…

    Trotz allem ist es so, wie Du beschrieben hast: Es ist eine ansprechende Tätigkeit, eine Rezeptur auszuführen.
    Betriebswirtschaftlich betrachtet ein teures Hobby.

    @ Delilah: Sehe ich auch so, die meisten Salben können am Tag drauf abgeholt werden. Meist „darf“ man ja eh für 0,05 Gramm eines Wirkstoffs mindestens 1 Gramm bestellen müssen…..

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  4. Old_Surehand schreibt:

    Alu ist in bestimmten Alternativ kreisen aper kanz pöse!
    Soll Alzheimer machen…
    Ist zwar nicht bewiesen, aber wird halt behauptet.

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    • Aponette schreibt:

      Jau! Und daher gibt es jetzt auch von den nicht esoterischen Kosmetikmarken Deos „ohne“ ( was überhaupt totalin ist, ohne Gluten, Ohne Lactose, Fruktose oder Verstand….)
      Aber das Phänomen, daß wir plötzlich doppelt so viele Rezepturen herstellen, wie noch vor Plausi, kennen wir bei uns auch. Wobei bei uns nun das Problem aufschlägt, daß wir Rezepturen mit Kosmetika nur noch machen dürfen, wenn wir auch von denen die Identität geprüft haben. Das wird langsam echt to much! Dann brauchen wir echt noch eine PTA – und wir haben schon drei, die für Rezeptur und Labor verantwortlich sind…..

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      • ednong schreibt:

        Wow – 3 Vollzeit-PTAs nur für Labor und REzeptur? Wird da heutzutage soviel in der Apo angerührt?

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      • ptachen schreibt:

        Das kommt immer auf den Standort der Apotheke an. Ist sie in der Nähe eines Hautarztes der vor allem eigene „Kreationen“ verschreibt kann das durchaus sein dass so viel Personal gebunden wird. Unsere nächsten Hautarztpraxen sind sogar 2 und 3 Ortschaften weiter, trotzdem haben wir im Schnitt 4 Rezepturen am Tag.

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      • ednong schreibt:

        Und wie funktionieren denn nun die Deos ohne Alu? Ist da jetzt nix (schädliches) mehr drin, also nur noch Alkohol? Ach ne, die sind ja auch ohne Alk. Also nur noch Wasser drin, was ich mri unter den Achseln verteile?

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  5. Pingback: Mes nerves… | apothekentheater

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