Gefährliche Sparsamkeit

Was sich mir irgendwie nicht erschließt ist die Logik der Krankenkassen, Typ 2 Diabetikern die noch nicht insulinpflichtig sind, die Kosten für Nadeln und Blutzuckerteststreifen nicht mehr zu erstatten. Es dürfte jedem normal denkenden Menschen klar sein, dass diese Leute aus wirtschaftlichen Gründen seltener messen als sie sollten. Das heißt dass der Blutzuckerspiegel sich schlechtestenfalls ungünstig entwickelt und es wird zu spät gemerkt. Oder dass sich Zuckerspitzen zu bestimmten Tageszeiten bilden die nicht auffallen, weswegen der Langzeitwert HbA1C unterirdisch schlecht ist und keiner weiß warum. So eine Packung mit 50 Teststreifen kostet nun mal 30€, und das haben gerade ältere Menschen oft nicht mal einfach so im Geldbeutel. Der typische Typ 2 Diabetiker ist nämlich im Rentenalter, und wenn es eine alleinstehende Frau ist muss sie oft mit 250€ im Monat auskommen, da sind 30€ ein schöner Batzen Geld. Auswirkungen sind dann ein sich verschlechternder Allgemeinzustand, Polyneuropathien, Inkontinenz, schlechtere Durchblutung der Kapillaren an Füßen oder den Augen, trockene empfindliche Haut und Wundheilungsstörungen. Die Nadeln kosten ja auch noch mal extra. Dabei fangen viele an zu tricksen. Das sieht dann so aus, dass eine Nadel die man nach dem piksen direkt austauschen sollte nicht als Einmalprodukt verwendet wird, sondern mehrfach genutzt wird. Manchmal 20 oder 30 mal hintereinander, manchmal über mehrere Monate. Das kann auch zum Teil daran liegen, daß manche Patienten vom Arzt ein Gerät zur Messung in die Hand gedrückt bekommen (lassen die Pharmavertreter ja oftmals kostenlos da) und dann werden sie ohne weitere Unterweisung nach Hause geschickt. Der Rest ist wieder Apothekenarbeit (kostenlos versteht sich). Gerade vorletzte Woche war wieder eine ältere Dame bei uns mit genau dieser Symptomatik. Sie legte uns die Stechhilfe auf den Tisch und meinte dass sie glaubt dass diese nicht mehr richtig funktioniert. Sie hätte richtig Angst vor dem Zustechen weil es so weh tut, die ersten Male seien aber recht schmerzfrei gewesen.
Dazu ist zu sagen dass diese Frau bereits seit ein paar Wochen insulinpflichtig war und 3x täglich messen sollte. Sie war nur nicht richtig aufgeklärt worden und die Handhabung des Gerätes war ihr ziemlich schleierhaft. Als ich mir ihre Hände ansah konnte ich es kaum glauben: die Fingerkuppen waren allesamt von blaurotschwarzen Einstichen übersät, die sich zum Teil bereits entzündet hatten. Ich fragte sie wann sie den letzten Nadelwechsel vorgenommen hatte und sie erklärte mir, dass sie diese noch NIE gewechselt habe weil sie nicht wüsste wie. Sie hatte sich nicht getraut den Arzt zu fragen, der habe ihr auch gesagt, dass sie mit einer Nadel ruhig öfter stechen könne, das mache gar nichts aus.

Da rollen sich bei mir die Fußnägel hoch wenn ich sowas höre!!! Ich habe ihr die Handhabung erklärt, ihr neue Nadeln eingesetzt und ihr geraten sich an ihre Krankenkasse zu wenden. Der Arzt hat nämlich auch auf keinerlei Kurse oder ähnliches hingewiesen die es für Neudiabetiker gibt und die in der Regel auch von den Krankenkassen gezahlt werden. Ernährung, Handhabung der Gerätschaften, psychische und physische Folgen – alles Dinge mit denen man sich befassen muss mit dieser Erkrankung. Es wäre jedenfalls wünschenswert wenn sich die Kassen die Erstattung für nicht insulinpflichtige Diabetiker nochmals überdenken, sonst wird es auf Dauer sicher immer mehr Menschen mit Folgeerkrankungen geben. Und ob das dann billiger wird? Ich wage es zu bezweifeln…

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Über ptachen

PTA mit Leib und Seele. Mittleres Alter, mittleres Gewicht, mittlere Optik. Meistens freundlich (bringt der Beruf so mit sich), etwas chaotisch, viel erlebt, viel gelitten. Bin jetzt mit mir im Reinen :-)
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4 Antworten zu Gefährliche Sparsamkeit

  1. Nordmädchen schreibt:

    …als ob es den Kassen oder generell irgendwelchen Institutionen um langfristige Kostenersparnis ginge…es zählt doch immer nur das kurzfristig schnell gesparte Geld. Das ist zumindest mein Eindruck. 😦

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  2. Rena schreibt:

    Bei meiner Tochter wurde mit 12 Jahren Diabetes Typ 1 festgestellt. Sie wurde in die Kinderklinik eingeliefert (wegen dem hohen Blutzuckerwert) und wir (mein Ex-Mann, Tochter und ich) haben jeden Tag Schulungen gehabt.

    LG Rena

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  3. ednong schreibt:

    Oh Gott,
    da rollen sich bei mir nicht nur die Fußnägel hoch …

    Und Krankenkassen und langfristiges, vorausschauendes handeln? Da kannst du Krankenkassen auch durch „Regierung“ ersetzen und kommst zum gleichen Ergebnis: wollen die gar nicht.

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  4. Old_Surehand schreibt:

    Die Kassen zahlen Schulungen nur noch, wenn die Patienten sich in die „Desease Management Programme“ einschreiben.
    Was den Umgang mit den Geräten angeht, machen wir Ärzte das auch für lau. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass Patienten viel vergessen – auch von der Einweisung in die Geräte.
    Messstreifen kann man bei unzureichender Blutzuckereinstellung oder Medikamentenumstellung auch bei nicht insulinpflichtigen Diabetikern verordnen. Geht nur leider voll ins Medikamentenbudget. Die sind zwar keine Medikamente, aber die Suche nach Logik in diesem unseren Gesundheitssystem ist eh zwecklos.

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