Warum wir Helden sind

Ich habe einen schönen Text der Apothekerin Ann-Katrin Kossendey-Koch gelesen und hier einmal geteilt. Viel Spaß beim lesen!

Letztes Jahr gab es diesen Facebook-Post, in dem allen gedankt wurde, die über die Weihnachtsfeiertage für die Allgemeinheit arbeiten. Feuerwehrmänner, Sanitäter, Ärzte, Pflegepersonal, Polizisten… Und wer fehlte in der Auszählung? Richtig, wieder Mal wir Apotheker. Dabei ist gerade Weihnachten die richtige Zeit, um mal von Herzen Danke zu sagen. Und das mache ich jetzt mal. 

Ein dickes Dankeschön an uns Apotheker, wir sind Helden. Wir schaffen es, nicht nur über die Feiertage, sondern 365 Tage im Jahr flächendeckend die Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln sicher zustellen. Treu und brav machen wir unseren Notdienst und beantworten mit Engelsgeduld die ewig gleiche Frage am Telefon: „Haben Sie Notdienst?“ mit einem freundlichen „Ja“, obwohl uns ein „Warum sollte ich sonst am 24. Dezember um 20 Uhr in der Apotheke hocken!“ auf der Zunge liegt. 

Statt Weihnachtsbaum und Bescherung zu genießen, werden auch in diesem Jahr Kollegen über Weihnachten Patienten das Leben retten, oder fast – bei meinem letzten Notdienst am Heilig Abend war übrigens der meist gekaufte Artikel ein Schwangerschaftstest.

Als Apotheker erträgt man es auch stoisch, nachts um 3 Uhr mit der Ankündigung angerufen zu werden, dass der Patient gleich losfährt, aber in dieser Nacht niemals ankommt. Ähnliche Schlafstörungen verursachen auch Patienten, die anrufen, um uns um eine Ferndiagnose zu bitten mit dem Argument, dass man den Arzt um diese unchristliche Zeit ja nicht stören möchte. 

Nett ist auch die Verwunderung mancher Patienten, dass Apotheker nachts im Notdienst tatsächlich schlafen. Ja, das tun wir – so richtig, mit Schlafanzug , Augen zu und träumen. 

Brutal zuschnellende Notdienstklappe

Ein „Danke“ haben wir Apotheker auch dafür verdient, dass wir kostenlose Endlosdiskussionen mit uneinsichtigen Patienten führen, die nicht einsehen wollen, dass sie ihr rezeptpflichtiges Medikament erst nach Konsultation der Notfallpraxis erhalten.  Selbst durch die absurdesten Argumenten wie „Ich hab aber keine Lust zu einem fremden Arzt zu gehen“, lassen wir uns nicht zu Handgreiflichkeiten hinreißen.  

Mir ist auch kein Fall bekannt, wo ein Patient seine Hand durch die brutal zuschnellende Notdienstklappe verlor, weil er, nachdem er erfahren hat, dass er eine marginale Notdienstgebühr für sein Nasenspray AL oder sein Paracetamol zahlen muss, den Apotheker anranzt: „Was? Notdienstgebühr? Dann hole ich mir das nach den Feiertagen!“ 

Ein Danke an uns Apothekern auch für die Bereitschaft, QMS-zertifizierte, vom Deutschen Gynäkologenverband abgesegnete, kostenlose (!) Beratungen zur  mittlerweile nicht mehr verschreibungspflichtigen Pille danach zu führen. Und ja, wir müssen die betroffene Frau selber sprechen und ja, wir müssen diese intimen Fragen stellen. Hach,  die Details aus dem Liebesleben unserer Mitmenschen können uns doch genauso erwärmen, wie Weihnachten mit unserer Familie und unseren Freunden. Schließlich erfährt man über das Paar, welches die Pille danach braucht, vermutlich durch die ausführliche Beratung mehr, als man von seinen Angehörigen überhaupt jemals wissen will.

Smaltalk in der Nacht

Für einige Patienten ist der Notdienst  auch die perfekte Gelegenheit, mal mit einem Akademiker zu plauschen. Über Gott und die Welt und gerne auch mal über die Sinnhaftigkeit der Medikation vom Ehemann. „Mein Mann hat Johanniskraut genommen, da ging es ihm gut. Jetzt nimmt er das nicht mehr, nun geht es ihm schlecht!“ Ach? Echt?  

Ein Dankeschön an alle Apotheker, die diese Szenen, die Loriot nicht besser hätte karikieren können, ohne hysterisches Lachen aushalten. „Ja, wenn Sie meinen, dass das Johanniskraut gut ist, dann nehmen wir jetzt einmal eine 10er Packung, das ist ja auch teuer!“ Leider sind Menschen, die sich an Feiertagen mit solchen Problematiken auseinandersetzen häufig beratungsresistent, vor allem wenn der Fußpfleger/die Friseurin/die Nachbarin gesagt hat, es reicht auch das Johanniskraut von Aldi.  

Uns Apothekern macht es auch nichts aus, dass wir in unserem Notdienst gar keinen lebensbedrohlichen Notfällen begegnen.  Wir lassen uns nichts anmerken, wenn wir Rezepte im Notdienst einlösen, die mehrere Wochen alt sind oder Nahrungsergänzungsmittel, Schüssler Salze oder Teemischungen verlangt werden.  

Es braucht keinen Notfall…

Erstaunlich aber ist, je banaler der Kundenwunsch ist und je weniger es sich um einen echten Notfall handelt, desto unfreundlicher diese Kunden dann oftmals sind. Da wird dann auch gerne nochmal von genau diesem Kundentyp patzig angemerkt, dass es unmöglich sei, dass die Notdienst-Bude keine Umschau mit Fernsehteil vorrätig hat. Und diejenigen, die wirklich unsere Hilfe brauchen, weil das Kind eine Mittelohrentzündung hat oder der Mann unter starken Schmerzen leidet, entschuldigen sich regelrecht, dass sie es gewagt haben, uns zu stören.

Diese Patienten sind immer sichtlich erstaunt, wenn ich mich als Apothekerin bei ihnen bedanke, da ich genau für sie diesen Notdienst ja mache und ich mich freue, dass so der Notdienst Sinn macht. So weiß man dann auch, warum man nicht bei seiner Familie ist und fühlt sich nicht als Happy Shop mit verlängerten Tankstellen-Öffnungszeiten.

Ich wünsche allen diensthabenden Kolleginnen und Kollegen trotz Notdienst ein wundervolles Weihnachtsfest, lasst Euch nicht ärgern und fühlt Euch als Helden des Gemeinwohls! Allen anderen Apothekern wünsche ich natürlich auch ein frohes Fest. Und danke, dass es Euch alle (noch) gibt.

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Über ptachen

PTA mit Leib und Seele. Mittleres Alter, mittleres Gewicht, mittlere Optik. Meistens freundlich (bringt der Beruf so mit sich), etwas chaotisch, viel erlebt, viel gelitten. Bin jetzt mit mir im Reinen :-)
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2 Antworten zu Warum wir Helden sind

  1. scrooge schreibt:

    Auch wenn ich den Notdienst schon lange nicht mehr gebraucht habe, sag ich auch mal danke, dass ihr da seid.

    Komm gut ins neue Jahr.

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  2. squirrel1976 schreibt:

    Wenn ich könnte, würde ich gleich mehrere Likes vergeben 🙂

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