Zu früh gefreut

Einen typischen Fall von „denkste“ hatte ich am Freitag. Ein Herr kam rein und legte mir ein Rezept vor, das mit Tipp- Ex bearbeitet war. Unschwer zu erkennen, dass er damit bereits eine andere Apotheke aufgesucht hatte, die ihm das gewünschte Medikament wohl nicht beschaffen konnte. Sowas ist dann immer ein besonderer Anreiz! Ich tippte den Artikel in die Kasse ein, und bekam sofort die Meldung, dass das Medikament (mal wieder) nicht lieferbar ist. Es handelte sich um ein Antidepressivum, das auch nicht so einfach ausgetauscht werden sollte wenn man einmal auf eine bestimmte Firma eingestellt ist. Ich fragte erst einmal den Patienten, was er von einem Austausch gegen eine höhere Stärke der gleichen Firma hält. Die könne er dann halbieren. Er war nicht begeistert, sagte aber grundsätzlich zu. Doch Pustekuchen. Von dieser Firma -zeigte mir mein Computer an – sei gar nichts lieferbar. Keine einzige Stärke, und keine einzige Packungseinheit. Ich rief beim Hersteller (Heumann) an, verbrachte eine gefühlte Stunde in der Telefonwarteschleife, und hoffte einfach nur, dass das alles ein lösbares Problem ist. Wir haben zur Zeit einige Firmen (z.B. AAA- Pharma), die mit den Pharmagroßhändlern im Streit liegen, und ihre Produkte daher nur noch direkt an die Apotheken verschicken. Das ist zwar nervig, aber die Patienten können trotzdem versorgt werden – kostet allerdings einen Mehraufwand an Zeit plus Porto, den die KrankenKassen selbstverständlich NICHT honorieren, aber sei es drum… Endlich hatte ich einen Herren in der Leitung, der mir allerdings keine Hoffnung machen konnte. Warum die Produktion verzögert sei könne er mir nicht beantworten, aber mit Ware sei vor Juli nicht zu rechnen. Ich fiel aus allen Wolken. Juli???

Sie wissen schon, dass das jetzt für unseren Patienten ein herber Schlag ist, oder?“

„Ja sicher. Stellen Sie sich mal vor… Wir haben hier auch ein kleines bisschen pharmazeutischen Sachverstand!“

Restbestände können Sie mir auch nicht anbieten?“

„Naja… Wir haben noch ein ganz kleines Kontingent hier – allerdings mit Verfall 07/2016“

Das wäre doch klasse! Damit kann er die Wartezeit perfekt überbrücken! Super! Bis wann wäre die Packung bei uns?“

„Montag oder Dienstag könnte klappen.“

Ich war dem Herrn so dankbar, dass ich die patzige Antwort vom Gesprächsbeginn nicht weiter beachtete. Der Kunde war auch sehr angetan, und berichtete von zwei Apotheken, bei denen er zuvor war, die einfach nur nach einem Blick in den Computer gesagt hatten, dass sie ihm nicht weiterhelfen können. Ich war natürlich stolz wie Oskar, und der Kunde bedankte sich und verließ die Apotheke. Das Hochgefühl hielt etwa 20min an, da klingelte das Telefon und die Firma Heumann sagte den Artikel wieder ab. Es sei bedauernswerterweise doch nichts mehr da. Mist. Meine Freude verpuffte schlagartig. Ich klemmte mich also an den Rechner, druckte die Seite mit der Zusammensetzung des Medikamentes aus und verglich sie mit den 15 oder 20 anderen Firmen, die diesen Wirkstoff vertreiben. Ich fand „Aurobindo“ und „Bluefish“, die bis auf einen einzigen Hilfsstoff von ca. 10 gleich zusammengesetzt sind. Dann rief ich beim behandelnden Arzt an, erklärte das Problem und meinen Lösungsversuch und bat darum, dass wir quasi mit einem Mund sprechen falls der Patient ihn Anfang der Woche anruft um zu fragen ob ich das richtige Medikament rausgesucht habe. Echt blöd, ich bin gespannt wie das unser Kunde aufnimmt…

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Über ptachen

PTA mit Leib und Seele. Mittleres Alter, mittleres Gewicht, mittlere Optik. Meistens freundlich (bringt der Beruf so mit sich), etwas chaotisch, viel erlebt, viel gelitten. Bin jetzt mit mir im Reinen :-)
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8 Antworten zu Zu früh gefreut

  1. OtaconHC schreibt:

    Wie gut dass man durchs Telefon keine Leute erwürgen kann.

    Wie viele Leute hättest du da wohl schon auf dem Gewissen? 😉

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    • Die Unsoziale schreibt:

      Herr V., Fr. Dr. MFA, diverse Krankenkassen (insbesondere der Reatixierungsabteilungen), Familie Fuchs (?), diesen speziellen Menschen mit pharmazeutischen und mit ohne empathischen Sachverstand, eventuell noch den einen oder anderen Arzt, …
      Da kommt einiges zusammen. 😀

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  2. Anya schreibt:

    Wieso macht meine Apotheke dann immer lustiges Verpackungsraten, wenn man anscheinend die Zusatzstoffe, die bei meinem Mann und mir auch oft das Problem sind, einfach so ausdrucken und vergleichen kann? Sie müssen das ja nicht mal selbst machen, ich würde die Listen mitnehmen und selbst vergleichen. Beim nächsten Problem bezüglich Lieferbar- und Substituierbarkeit werde ich meine Apotheke mal auf diese Möglichkeit ansprechen. Vielen Dank für diesen Hinweis!

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  3. ednong schreibt:

    Der Kunde wird meckern – schließlich hat er doch ganz deutlich gesagt, dass er nicht wechseln will.

    Und wieso war das Rezept mit T-Ex bearbeitet? Bzw. was daran war bearbeitet?

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    • Die Unsoziale schreibt:

      Apotheken drucken ja auch etwas auf das Rezept – ich vermute das war in der Vor- oder Vorvorapotheke bereits geschehen und hat dann den selben Anruf mit „haben doch nicht“ bekommen. Dann muss das halt wieder weg.

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  4. nickel schreibt:

    Ohwei, da schwitze ich sehr mit dem Patienten mit. Ich weiß, wie heftig eine Umstellung sein kann.

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