Mehrkosten

Aufreger der Woche waren bei uns die sogenannten Mehrkosten. Der GKV Spitzenverband legt sogenannte Festpreise fest, wieviel die Krankenkassen bereit sind maximal für ein Arzneimittel zu zahlen. Das heißt für den Wirkstoff X wird zum Beispiel 60€ festgelegt. Kostet ein Arzneimittel mit diesem Wirkstoff zwischen 42 und 60€ zahlt der Patient nur die normale Zuzahlung. Kostet das Arzneimittel unter 42€ (weniger als 30% unter dem Festpreis) übernimmt die Krankenkasse den Betrag ganz, die Zuzahlung entfällt. Kostet das Mittel aber 60€ plus, dann muss der Konsument den Betrag zusätzlich zu der Zuzahlung berappen, den es mehr kostet. Meistens handelt es sich nur um Beträge zwischen 1 und 10€, denn die Firmen passen sich diesem Festbetrag meist an. Ab und zu kommt es aber vor, dass sie das nicht tun, und der Kunde plötzlich 50€, oder 100€ oder noch mehr zuzahlen soll. Das führt meist zu Empörung, lautstarkem Schimpfen über die Krankenkasse, der Frage für was man überhaupt über all die Jahre eingezahlt hat etc. Ich verstehe den Unmut absolut, doch oft lässt sich ein Ersatzpräparat eine anderen Firma finden, bei dem nichts aufzuzahlen ist. Manchmal aber auch nicht. Diese Woche hatten wir 2x das Vergnügen unseren Kunden mitzuteilen, dass sie für eine 30er Packung „Toviaz“ 50, und für eine 100er Packung 106€ zuzahlen sollen. Da ist natürlich das Geschrei groß, denn – es gibt kein Alternativpräparat mit dem selben Wirkstoff. Ich habe eine Seite gefunden, wo die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein ihre Ärzte über dieses Thema informiert. Dort heißt es wörtlich:

Sie müssen Ihre Patienten bei der Verordnung auf die Mehrkosten hinweisen, allerdings nicht auf die genaue Höhe“

Das führt dann dazu, dass der Patient in der Apotheke aus den Latschen kippt, weil er gesagt bekommen hat (im Glücksfall) „Sie müssen da ein bisschen was aufzahlen“ – im Normalfall hat der Verordner aber gar nichts zum Thema gesagt, sondern „nur“ verordnet. Wir sollen dann erklären, warum die KrankenKassen irgendwelche Preise diktieren dürfen, und warum diese auf welcher Höhe festgelegt werden, und warum eigentlich auch für „alternativlose“ Arzneimittel, wo mit gleichen Wirkstoff kein zweites, preisgünstigeres hergestellt wird. Ganz ehrlich? Ich habe absolut keine Ahnung warum die das dürfen, und ich empfinde es als zutiefst ungerecht. Für Wirkstoffe, bei denen es 30 verschiedene Hersteller gibt, wo man auswählen kann welchen man bereit ist zu zahlen – meinetwegen, aber für Toviaz geht das gar nicht! Die KrankenKassen stellen sich nun hin, und sagen, dass es andere Wirkstoffe gibt, die „therapeutisch gleichwertig“ seien, aber billiger. Abgeben darf ich diese aber nicht auf ein „Toviaz“ Rezept, da ich für einen anderen Wirkstoff ein neues Rezept brauche. Auch gibt es Patienten, die diese „therapeutisch gleichwertigen“ Wirkstoffe bereits bekommen, und nicht vertragen haben. Was sag ich denen dann? Pech gehabt? Unserer einen Patientin (85 Jahre, Rentnerin mit Mindestrente) riet ich, bei ihrer Krankenkasse anzufragen, ob sie nicht eine Einzelfallprüfung machen können, und ihr die 100€ doch erstatten. Viel Hoffnung hab ich da ja nicht, aber die stirbt ja bekanntlich erst am Schluss, nicht wahr?

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Über ptachen

PTA mit Leib und Seele. Mittleres Alter, mittleres Gewicht, mittlere Optik. Meistens freundlich (bringt der Beruf so mit sich), etwas chaotisch, viel erlebt, viel gelitten. Bin jetzt mit mir im Reinen :-)
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5 Antworten zu Mehrkosten

  1. OtaconHC schreibt:

    Also von diesem Kasperle Theater wusste ich. Aber dass die das auch dürfen bei Medikamenten für die es keine Alternative mit finde ich unter aller Sau.
    Was nur zeigt was für Arschgeigen da teilweise die Zügel in der Hand haben.

    Es kann ja noch angehen dass man Medikament X mit Wirkstoff A von Firma Y nicht zahlen möchte, weil Firma B genau das selbe Mittel zum halben Preis anbietet.
    Aber wenn es gar keine alternative mit dem selben Wirkstoff gibt?

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    • Sarah Pta schreibt:

      Hoffen, das die kranken Kassen Rabattverträge mit dem Original abschließen. Oder, was eine Ärztin ( bei den Sartanen) bei uns in der Nähe gemacht hat, die Patienten mühselig umzustellen. Mein Favorit ist ja immer noch das Tamoxifen. Beim Original sind da 500€ Mehrkosten fällig. Schlimm sind Mehrkosten bei Arzneimitteln für Kinder. Versuch mal den Eltern beizubringen, dass sie für ihr Kind was zuzahlen müssen.

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  2. ednong schreibt:

    Da bekommt das Wort „Krankenversicherung“ doch gleich eine neue Bedeutung. Nicht nur „kranke Versicherung“, sondern klar, weiterhin Versicherung der Kranken. Ihnen wird versichert, krank zu sein. Und das kostet eben. Mehr Beitrag (bei den Privaten), mehr Zuzahlung, mehr Geld insgesamt. Ach so, als kranker alter Mensch bekommen Sie nichts mehr – ja, aber hey, das haben wir Ihnen doch schon vor Jahren versichert: die Renten sind sicher. Zur Höhe haben wir doch nie was gesagt, oder?

    Ich finde, alt werden macht in diesem Staat so richtig Spaß. Allerdings nur, wenn man weiterhin gesund ist oder vorher Politiker oder Vorstandsvorsitzender war. Alle anderen haben irgendwie versch*ssen. Leider. Einfach nur traurig.

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  3. Hans Wurs schreibt:

    Hallo,

    genau das ist mir heute auch passiert. 106,23 Euro Zuzahlung für Toviaz 8mg, 100 Stück. Als Seit letztem Jahr bin ich querschnittsgelähmt und auf ein gut funktionierendes urologisches Spasmolytika angewiesen.
    Die Alternativen Darifenacin, Propiverin, Solifenacin und Trospiumchlorid unterscheiden sich zum Teil stark. Es sind ja auch komplett andere Wirkstoffe.
    Toviaz habe ich nicht mehr. Die Zahlung der Mehrkosten habe ich bei der Apotheke abgelehnt. Nun heisst es auf zum Urologen und fachkundigen Rat einholen auf welches Medikament ich umgestellt werden soll. Ach – ich vergaß – der vergibt Termine erst nach 5 Wochen. Blöd.
    Günstig komme ich aus dieser Nummer nicht mehr raus. So oder so werde ich nun mindestens 50 Euro los (als Zuzahlungsbefreiter..) plus den Stress auf die Umstellung(en) auf das/die Medikament(e).
    Im Krankenhaus hatte man bereits 2 andere Medis dieser Kategorie verwendet und ist schlussendlich bei Toviaz gelandet.
    Nun soll zurückgerudert werden und ein Medikament verordnet werden, welches im Krankenhaus u.U bereits als ungeeignet angesehen worden ist?
    Die Umstellung auf ein „therapeutisch gleichwertiges“ Medikament ist teilweise sehr mühselig und mit viel Stress für den Patienten verbunden. Die Regulierung des Medi-Marktes mit Festbeträgen spart viel Geld. Leider ist bei Medikamenten ohne Ausweichmöglichkeit auf eine anderes mit dem gleichen Wirkstoff wie hier mit Toviaz der Bogen überspannt worden.
    Bleibt zu hoffen, daß die Preise von Fesoterodin und Tolterodin schnell auf den Festbetrag abgesenkt werden.
    Grüße,
    Gerd

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    • ptachen schreibt:

      Hallo! Genau das meine ich auch. Die Leute die das entschieden haben sind sicher allesamt nicht selbst betroffen…
      Vielleicht kannst du bei deiner Krankenkasse um eine Einzelfallregelung bitten? Ich drücke die Daumen, dass eine gute Lösung für Dich gefunden wird!

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