Fehlanwendung – klassischer Beratungsfehler

Die Anfrage kam gestern gleich ganz früh: starke Rückenschmerzen, da sich die Patientin wohl fehlbelastet hatte. Dazu Kopfschmerzen und Unterleibskrämpfe, denn die arme Frau hat am selben Tag auch noch ihre Regelblutung bekommen. Ich fragte, ob sie vielleicht noch irgendein Schmerzmittel zuhause hätte, und tatsächlich, es waren noch Diclofenac vorhanden. Retardkapseln mit 100mg, daher verschreibungspflichtig. Sie waren vor Urzeiten einmal einem anderen Familienmitglied verordnet worden. Die Dame fragte, ob sie davon einfach eine nehmen könne vor dem Frühstück, sie hätte solche Schmerzen, dass sie sich kaum rühren könne. Ich beruhigte sie, sagte dass das zwar eine hohe Dosierung sei, aber dass bei einmaliger Anwendung schon nichts passieren würde. Am Tag darauf blickte ich der Frau in die blutunterlaufenen Augen, denn sie hatte in der Nacht kaum schlafen können vor lauter Krämpfen. Offenbar zählt sie nämlich zu den Menschen, die Diclofenac nicht vertragen, und sie litt daher nach meiner völlig falschen Einnahmeempfehlung unter so gut wie allem, was der Beipackzettel an Nebenwirkungen parat hält: starke Durchfälle, Magenkrämpfe, Übersäuerung. Die Nacht war ein einziger Alptraum und die Frau wusste nicht wie sie den Arbeitstag halbwegs anständig hinter sich bekommen sollte, und das alles wegen mir! Niemals sollte man ein verschreibungspflichtiges Medikament einnehmen, das für jemand anderen bestimmt war! Niemals sollte man ohne zu wissen ob man den Wirkstoff verträgt einfach so die Höchstdosis vor dem Frühstück runterschlucken! Ich weiß das doch alles! Und warum habe ich es dann getan? Die Patientin war ich selbst und mein Anblick im Spiegel heute früh entsprechend erbärmlich. Warum hält man sich selbst nur für unverwundbar, wieso schlägt man seine eigenen Ratschläge die man anderen Menschen in der Apotheke richtigerweise immer wieder gegeben hat für sich selbst so in den Wind? Ich hoffe ehrlich dass mir das beim nächsten Mal eine Lehre sein wird! Ich habe mich jedenfalls heute mit Carmenthin, einem Thermacare Pflaster und einer Ibuprofen lysinat Tablette über Wasser gehalten – ein entspannter Arbeitstag sieht jedenfalls anders aus…
Heute winke ich mal eine Runde nach LETTLAND rüber! Hallooooo!!!!

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Über ptachen

PTA mit Leib und Seele. Mittleres Alter, mittleres Gewicht, mittlere Optik. Meistens freundlich (bringt der Beruf so mit sich), etwas chaotisch, viel erlebt, viel gelitten. Bin jetzt mit mir im Reinen :-)
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5 Antworten zu Fehlanwendung – klassischer Beratungsfehler

  1. Raeblein schreibt:

    Gute Besserung, und was das mit den Beratungsfehlern angeht… Der Schuster hat oft die schlechtesten Schuhe und gerade Menschen in Medizinischen Berufen haben eine gewisse Tendenz bestimmte Dinge wider besseren Wissens zu tun.
    Frag mal wie viele Pflegekräfte an einem Arbeitstag fastschon gewohnheitsmässig Schmerzmittel nehmen ohne Dinge wie „Magenschutz“ „Höchstdosis“ „Maximale Anzahl von Anwendung pro Monat“ zu beachten.
    Von „Man nehme Schmerzmittel nur bis man unverzüglich beim Arzt war und eine (Verdachts-)Diagnose hat.“ fange ich gar nicht erst an.
    Und wie war das mit „Man geht nicht krank arbeiten.“ denn bestenfalls verschlimmern sich die Symptome unter fehlender Schonung schlimmsten falls steckt man andere an. diese Tatsachen sollten allen im Medizinischen Bereich ausgebildeten bekannt sein oder?
    soll ich weitermachen? Und ja das ein oder andere davon hab ich auch schon mal wider besseren Wissens getan.
    Noch mal gute Besserung und ein schönes Wochenende
    Raeblein

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    • Die Unsoziale schreibt:

      Stimme dir da vollkommen zu. Wir Mediziner sind die schlimmsten Patienten. Und zwar nicht, schlimm wie die Lehrer, die alles hinterfragen und besser wissen – sondern schlimm, weil wir uns selbst nicht das zugestehen, was wir anderen empfehlen. :/

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    • Hermione schreibt:

      Ich glaub, da können wir uns alle die Hand geben. 😁
      Gerade was das Krank-zur-Arbeit-Gehen angeht… Eigentlich verantwortungslos. Aber man will das Team ja nicht im Stich lassen, und so.

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  2. ednong schreibt:

    „Ich beruhigte sie, sagte dass das zwar eine hohe Dosierung sei, aber dass bei einmaliger Anwendung schon nichts passieren würde.“ – und ich dachte mir so „Häh?“. Das wird jetzt bestimmt ein Fake.
    Äh nein, dann nicht. Selbstbetrug quasi – du betrügst dich selbst um eine kompetente Beratung. Tsts. Selber Schuld. Und dann auch noch arbeiten gehen …
    Und dennoch – du tust mir natürlich leid. Und gerade, wenn man auf einen Wirkstoff noch allergisch reagiert – gar nicht gut. Ich hoffe, dein Zustand bessert sich und du hast ein entspanntes Wochenende.

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  3. Die Unsoziale schreibt:

    Aus Fehlern lernt man und nun weißt du, was passieren kann – und kannst deine Kundschaft dadurch noch besser beraten. 😉

    Ohne die Erfahrung wäre es sicher schöner gewesen, aber Vorwürfe machen bringen dich auch nicht weiter. Demnach: Gute Besserung 🙂

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