Warten – Teil 1

Eines habe ich im Krankenhaus gemerkt – die Menschen warten alle etwas anders, aber es gibt auch bestimmte Wartetypen. In der kurzen Zeit habe ich folgende Einteilung gemacht 

1. Die Smartphonejunkies: sobald der Allerwerteste die Sitzfläche berührt, wird das Handy ausgepackt. Beim kurzen indiskreten reinstiezen meinerseits macht bei den jüngeren Leuten jeder das selbe: whatsappen. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass einmal eine Generation aufwächst, die so viel schreibt. Normalerweise geht das ruhig vonstatten, mit halb gelangweiltem, halb angestrengten Gesichtsausdruck, der nur ab und an durch ein breites Grinsen, ein kurzes Auflachen oder ein gemurmeltes „Nää, ne?“ unterbrochen wird.

2. Die Telefonierer: das waren vor allem Frauen zwischen 30 und 40 Jahren. Ebenfalls mit Smartphone ausgestattet aber ungleich lauter und störender als die Surfer rufen sie den ganzen Freundeskreis durch, damit alle auf dem gleichen Stand sind. Die immer gleichen Sätze werden bei jedem neuen Anruf wiederholt 

„Dreimal darfst du raten wo ich gerade bin… nein… nein… wieder falsch! Ich sitze gerade im Krankenhaus weil ich mir auf dem Weg zur Arbeit den Knöchel gebrochen habe! Doch! Wirklich! Nein, ehrlich!“

Irgendwann möchte man laut mitsprechen, denn man weiß ja schon was kommt.

3. Die Leser: am unspektakulärsten. Auch meistens Frauen, die wohl schon öfter mal im Krankenhaus waren und daher wussten, daß sie anders als beim Hausarzt eine Lesezirkelfreie Zone erwartet. 

4. Die Schweiger: meist Männer ab 30. Sie sind ohne Handy oder Lesematerial gekommen und starren Löcher in die Wand. Absolut angespannter Gesichtsausdruck, als würde sie gleich das Henkersbeil erwarten. Sie sitzen je nach gesellschaftlicher Stellung anders. Entweder mit geradem Rücken, die Beine nur leicht auseinandergestellt  – den Hinterkopf ab und zu leicht an der Wand angelehnt um zur Decke zu blicken. Oder die benachteiligtere Schicht, die die Beine maximal ausgrätscht, und entweder die Ellbogen auf die Knie aufstützt während der unstete Blick zum Boden geht, oder mit dem ganzen Rücken samt Kopf nach hinten angelehnt ist und die Arme noch auf den Sitzlehnen der Nachbarn aufliegen.

5. Die Familienausflügler

5.1 ausländische Familien: meist ist ein Mitglied der Familie erkrankt, das nicht so gut deutsch spricht. Daher kommt der Rest der family einfach mit, um beim übersetzen zu helfen. In der Zwischenzeit wird die Brotzeit ausgepackt, allen Mitwartenden etwas davon angeboten (ich hätte sogar was angenommen wenn ich nicht nüchtern hätte bleiben müssen – sah lecker aus), Kleinkinder bespielt und viel miteinander geredet. Man versteht kein Wort, was in Anbetracht der nächsten Familie aber vielleicht nicht das Schlimmste ist 

5.2 deutsches Prekariat: ich nehme an, dass das Leben ohne Arbeit Zuhause einfach etwas eintönig ist, und daher jeder Grund genutzt wird um mal raus zu kommen. Gesessen wird auf dem Boden  (ist doch sooo sauber in den Krankenhäusern), die Kleinkinder bekommen das Handy zum spielen in die Hand, während der Rest derart laut über persönlichste Dinge spricht, dass jeder es hören kann. Die Trennungsgründe von der Exfreundin des 19jährigen Familienvaters  („…un jetz‘ sacht die Schlampe noch ich hätt ihr eine geballert, dabei hat die doch immer alles kaputtgeschlagen wenn sie gesoffen hat!“), den völlig ungerechtfertigten Rauswurf der 40jährigen Oma bei ihrem Minijob an der Tanke („jetz‘ sacht der isch hätt geklaut, dabei is der nur sauer weil isch ihn nicht rangelassen hab!“). Es war, als wäre man mitten in einer Reality- soap von RTL2, nur ohne Kameras.

…to be continued…

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Über ptachen

PTA mit Leib und Seele. Mittleres Alter, mittleres Gewicht, mittlere Optik. Meistens freundlich (bringt der Beruf so mit sich), etwas chaotisch, viel erlebt, viel gelitten. Bin jetzt mit mir im Reinen :-)
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2 Antworten zu Warten – Teil 1

  1. ednong schreibt:

    Oh ja,
    bei Nr 2 würde ich wohl tatsächlich laut mitsprechen. Kann ja sein, dass sie ihren Text vergißt …

    Und Nr 4 verstehe ich voll und ganz – wer erwartet denn schon eine Zeitschriften freie Zone im KH? Keine c’t? Das ist dann schon ein schlechtes Zeichen …

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  2. OtaconHC schreibt:

    Die 4 hast du irgendwie doppelt vergeben 😉

    Ich würde ja am liebsten dasitzen und Musik hören, gerade mit den schönen Nebengeräusch unterdrückenden Bose wäre das toll. Aber ne, dann hört man ja net wenn man angerufen wird.

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