#revolutionpharmacy: Ritalin

Hier das neueste Erklärvideo von und mit Jan Reuter, es geht um Ritalin.

Hier empfinde ich es auch als sehr nötig, dass Aufklärung in der Öffentlichkeit betrieben wird. Nicht jedes Elternteil, das keinen anderen Ausweg sieht seinem Kind zu helfen will es einfach damit „ruhig stellen“ – und auch der Ausdruck „Kinder-Koks“ hinter vorgehaltener Hand ist nicht besonders durchdacht.

Bevor Eltern und Kinderarzt sich zu dieser Entscheidung durchdringen vergehen üblicherweise lange Wochen mit vielen Sitzungen. Das Kind wird diversen (Verhaltens)- Tests unterzogen, und auch während der Therapie mit Ritalin weiterhin von einem Kinderpsychologen betreut.

Diese Betreuung endet auch üblicherweise nicht beim Betroffenen, sondern bezieht die gesamte Familie mit ein, die in vielen Abenden und bei vielen Vorträgen lernt, wie sie richtig mit gewissen Situationen umgehen, in die sie durch die Krankheit ADHS zwangsläufig kommen.

Ich habe naturgemäß durch die Arbeit in der Apotheke einen kleinen Einblick in andere betroffene Familien, aber persönlich auch einen sehr nahen Fall erlebt (zum Glück bislang kein eigenes Kind). Was ich sagen kann ist, dass sich sicherlich 80% der Elternteile die ich auf diese Weise kennengelernt habe wirklich sehr um ihr Kind sorgen, und mit viel Herzblut daran arbeiten, dass sich die Situation verbessert.

Das Kind leidet nämlich am meisten darunter, und das darf man nie aus den Augen verlieren! Persönlich habe ich nur mit einem ADHS Betroffenen selbst darüber gesprochen, wie es sich anfühlt – mit und ohne Ritalin. Er sagte, mit dem Medikament hatte er zwar das Gefühl eines dumpfen Druckes im Kopf (das nicht wirklich angenehm ist), aber ohne war es schlimmer. Er habe sich selbst nicht fühlen können, und daher ständig irgendwelche Dummheiten gemacht, obwohl ihm klar war dass es Unsinn ist. Oftmals hat er sich und andere physisch verletzt ohne das zu wollen, er war danach meist völlig untröstlich und verstand sich selbst nicht mehr. Er konnte nie das WARUM erklären, und irgendwann war er darurch natürlich sozial isoliert. Dieses Verhalten hörte nach der Einnahme von Ritalin gänzlich auf, und ein Schulwechsel sowie strenge Disziplin im Alltag (muss durch die Eltern eingefordert werden) halfen dabei, im Leben besser zurecht zu kommen.

Er ist heute ein freundlicher junger Mann ohne irgendwelche krankhaften Abhängigkeiten, der in Berufsleben steht und keine Medikamente mehr braucht. Methylphenidat ist also nicht per se ein  Teufelszeug, die Eltern nicht grundsätzlich desinteressiert und verantwortungslos, und Kinder mit ADHS keine kleinen Idioten die es sowieso zu nichts bringen. 

In diesem Sinne s.o.: „Zieht die Mundwinkel nach oben!“

Über ptachen

PTA mit Leib und Seele.
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6 Antworten zu #revolutionpharmacy: Ritalin

  1. bombjack schreibt:

    Nur wenn Dir im Zeltlager von der Mutter das Ritalin für ihre Tochter mit den Worten „Die Lehrerin wollte das so haben…“ überreicht wird, dann habe ich da so meine Zweifel an dem ganzen Diagnostik-Komplex.

    Ferner, wenn sich dann im Betreuerraum die Vorräte an Ritalin und Co. (so gut wie alles war da Btm) ansammeln und Du Dir denkst (Discalimer: BETONUNG liegt auf „denkst“) würde man das Zeug illegal verkaufen, könnte man das ganze Lager komplett finanzieren….dann habe ich wieder meine Zweifel ob denn die Mengen so nötig sind bzw. diese Diagnose so häufig zu stellen sei….

    Plus….Langzeitfolgen sind noch gar nicht so richtig erforscht und dass das in die Gehirnchemie eingreift und diese auch permanent verändert, liegt für mich auf der Hand….

    Inzwischen weiß ich dass es Fälle gibt wo es angebracht ist….nur die sind mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so häufig, wie das Zeug verschrieben wird….ferner stelle ich halt dann mal die ketzerische Frage, ob z.B. da nicht das Schulsystem überdacht werden sollte..sonst wird doch seit neuestem auch sehr viel über Inklusion gesulzt….warum also nicht auch bei ADHS-Menschen?

    bombjack

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  2. Jan S schreibt:

    Direktes Umfeld:
    Vater am arbeiten, Mutter zuhause. 2 Kinder. Kommen von der Schule, ab aufs Sofa, Gameboy oder Playstation. Hauptsache sie gingen der Mutter nicht auf die Nerven mit sowas wie spielen wollen.
    Kinder werden quengelig, nervig und anstrengend. Ab zum Doc und 1-2 mal zum Jugendpsychater. Und schon war das Ritalin für beide im Haus und die Kinder schön ruhig wie es sich gehört.
    Aber wenn ich mit den beiden getobt habe ging es komischerweise auch ohne. Zufriedene erschöpfte Kinder die Abends ins Bett fallen und pennen und nicht 20 mal bis spät Abends noch aus dem Zimmer kommen weil sie noch unruhig sind.

    Das was du beschreibst ist eher der gewünschte Weg wie es sein sollte, aber es sieht vielerorts doch anders aus.

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    • Apothekerlein schreibt:

      Ritalin wirkt bei nicht-ADHS-Patienten aufputschend (Amphetamin-Derivat halt)… Da ist die Beschreibung der „ruhigen“ Kinder in diesem Zusammenhang doch etwas… befremdlich…

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  3. TFH schreibt:

    Ich würde auch meinen, dass es sich bei der Darstellung eher um eine Idealvorstellung handelt, denn um eine Beschreibung der praktischen Umsetzung.
    Da dürfte das Spektrum deutlich breiter sein.
    Von daher würde ich eben diese Beschreibung auch als gute Vorlage sehen, um eben so die Umstände zu prüfen: Wurden die im Video beschriebenen Maßnahmen eines umfassenden Therapiekonzeptes getroffen – oder wurden eben diese Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft?
    Falls nicht – lohnt es sich, eben diese Nachzufragen, und ggf eine Zweitmeinung einzuholen.

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  4. Gru schreibt:

    Ich habe in der Familie einen Fall da bin ich immer noch überzeugt dass weniger „Zuckerwasser“ (Sprich eigentlich trinkt man nur Limo, Wasser ist wäh) und vielleicht etwas mehr Sport die bessere aber aufwendigere Lösung gewesen wäre. Und in der Schweiz hat es wirklich eine Zeit gegeben (Ich weiss nicht wie es heute ist) da hab ich von mehr als einer Klasse gehört (Durch Eltern mit Kindern in diesen Klassen) dass 2/3 Ritalin oder ähnliches nehmen mussten. Sobald die Kinder mehr Aufmerksamkeit als nötig haben wollten wurde von Lehrern z. T. den Eltern direkt der Arzt mit gewünschter Diagnose empfohlen. Das war schon etwas erschreckend sowas zu hören.. Aber ich kenne auch Fälle in denen es wirklich etwas gebracht hat und die Kinder auch selber positive Erfahrungen hatten. Somit bin ich insgesamt einfach etwas vorsichtig mit der „Ritalin ist positiv“ Bewegung.

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  5. OtaconHC schreibt:

    Naja wenn es wirklich so wäre, wäre es ja schön. Die Realität sieht aber anders aus.

    Diagnostiziert wurde ich von meiner Mutter, und die hat meiner Ärztin dann einen Fernsehbericht aufgezeichnet zum Thema Ritalin und vorgespielt. Zwei Minuten später hab ich das Mittel, dass die Ärztin bis zu diesem Video gar nicht kannte, verschrieben bekommen.

    Das einzige was wirklich gemacht wurde waren dann die regelmäßigen Bluttests, fertig.

    Da ich einige Freunde habe im Lehrbereich, und selbst einige Zeit im Pharmabereich angestellt war, weiß ich dass viele Ärzte auch heute noch das Zeug einfach auf Verlangen der Eltern aufschreiben.
    Die Diagnose übernimmt dann der Lehrer oder die Eltern selbst.
    Andere Therapiemöglichkeiten werden wohl eher selten genutzt, weil „es gibt ja eine Tablette dagegen“.

    Viele suchen weiterhin einfach nur etwas um die Kinder ruhig zu stellen, das wars.

    Es benötigt viel mehr Aufklärung um dieses Medikament, und wie es gehandhabt wird.

    Verteufle ich nun Ritalin? Nein, gewiss nicht.
    Aber die Art wie es auch heute noch oftmals eingesetzt wird schon.

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