Notdienst – im Sinne von NOT!

In Haßfurt wird sich geärgert. Der bisher bestehende Nacht- und Notdienst der Apotheken im Umkreis wird nämlich ab 2018 neu organisiert. Bisher mussten die dort ansässigen Apotheken alle fünf Wochen für eine ganze Woche Notdienst schieben, jetzt müssen sie alle 11 Tage 24 Stunden in der Apotheke verbringen.

Wer dann die Apotheke die am weitesten weg gelegen ist im Notdienst erreichen möchte, der muss maximal 15km weit fahren. Das ist zuviel, meint eine Apothekerin vor Ort und stellt sich auf die Seite von Michael Schulz, dem Kommunalen Behindertenbeauftragten. Die anderen Apotheker begrüßen die neue, für die Apotheker deutlich familienfreundlichere Variante.

Mal unter uns: was ist schon ein echter Notfall? Etwas das nicht bis zum nächsten Tag warten kann? Hat man einen solchen, so muss man zumeist sowieso aus dem Haus, und muss sich zu einem Arzt hinbemühen. Und wie häufig kommt das vor? Alle 3 bis 5 Jahre vielleicht? Ich habe den Notdienst bisher 2x in Anspruch nehmen müssen – nie für mich, sondern immer für andere. Ist es denn zu viel verlangt, sich zuhause eine ordentliche Hausapotheke anzulegen, damit man nicht im Falle eines Falles am Wochenende zum Arzt muss?

– Schmerz/Fiebermittel

– Kohletabletten

– etwas gegen Durchfall/ Verstopfung

– ein Brand und Wundgel

– Wunddesinfektion

– Pflaster/ Verbandmaterial

– eine cortisonhaltige Creme

– Nasenspray

– ausreichend von den Medikamenten die man als Chroniker einnehmen muss

– Hustensaft

– Mittel gegen Sodbrennen

– Antiallergikum (wenn man z.B. Heuschnupfen hat)

– Medikament gegen Blasenentzündung (wenn man dazu neigt)

Ich würde behaupten, dass eine solche Hausapotheke bestimmt 75% aller Besuche in der Notdienst Apotheke überflüssig machen würde, oder? Sei es drum. Ich kann die Apotheker sehr gut verstehen, die dafür gestimmt haben, dass der Dienstplan geändert wurde.

Welcher Partner (mit Kindern) macht denn einen solchen Zirkus mit, wenn Ehemann oder Ehefrau 1/3 der gemeinsamen Zeit nicht anwesend ist? Noch dazu ohne dass man dafür wenigstens einen adäquaten finanziellen Ausgleich erwarten könnte?

Der Herr Behindertenbeauftragte kann ja versuchen, einen mobilen Fahrdienst zu organisieren, der im Bedarfsfall Medikamente zu den Bedürftigen fährt. Nur wird auch dieser das nicht für Gotteslohn tun – genau so wenig wie ein Installateur, Heizungsbauer oder Schlüsseldienst. Warum wird das dann von den Apothekern verlangt?

By the way: das wird noch schlimmer werden – deutlich schlimmer! Wenn die Chroniker nämlich weil es so schön billig ist ihre Medikamente über das Internet beziehen und die Apotheken vor Ort nur noch für den Notdienst aufsuchen möchten, dann wird das mit dem Apothekensterben fröhlich so weitergehen wie bisher. In Schleswig Holstein hat seit 2009 jede 10. Apotheke geschlossen. Herr Michael Schulz kann ja einmal bei seinen Schützlingen nachfragen, wer bereits eine Kundenkarte von DocMorris hat. Die dürfen sich dann auf die Schultern klopfen. Gemeinsam mit den Leuten die sich in schöner Regelmäßigkeit darüber aufregen, dass es zu viele Apotheken in Deutschland gibt. Weiter so, dann ist der nächste Notdienst vielleicht wie in Sachsen Anhalt schon bald 40km weit weg…

Über ptachen

PTA mit Leib und Seele.
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9 Antworten zu Notdienst – im Sinne von NOT!

  1. Judi schreibt:

    Eine ganze Woche durchgehend Notdienst? Ich finde, die Kritiker sollten den Apothekern dankbar sein, dass sie das so lange durchgehalten haben anstatt sie für die neue Lösung (bei der es ja immer noch Notdienst gibt) zu kritisieren. Wenn der Notfall nicht in die eine Dienstwoche der nächstgelegenen Apotheke gefallen ist mussten sie doch bisher auch die 15 km fahren, warum soll das jetzt auch einmal ein Problem sein?
    Ich bin Mitte 40 und habe in meinem Leben zweimal den Notdienst bemühen müssen. Einmal, weil mich die Notaufnahme abends entlassen hat mit Empfehlung Koffein zu nehmen, was sie nicht vorrätig hatten. Rückblickend hätte ich mir da besser ein Taxi zur nächsten Klinik gerufen (wo ich am nächtsen Tag stationär aufgenommen wurde), aber das wusste ich ja zu dem Zeitpunkt noch nicht. Mir war das hochnotpeinlich, weil ich mir dachte, dass der Apotheker den ich um 22 Uhr rausgekligelt habe bestimmt denkt ich bin jemand, der die Nacht durchfeiern will. Aber zu dem Zeitpunkt ging es mir so bescheiden, dass ich alles versucht habe. Und er hat mich auch nicht spüren lassen ob er wirklich das denkt, was ich dachte das er das denkt *gg*
    Zum zweiten Mal dieses Jahr kurz nach Ladenschluss, weil der Arzt länger geöffnet hat als die Apotheken. Bei mir hilft bei einer Cystitis nichts was die Hausapotheke hergibt und leider helfen auch nicht die gängigen Antibiotika. Das verschriebene Antibiotikum hatte der Apotheker dann auch nicht vorrätig, aber er hat es sofort bestellt, so dass ich es am nächsten Morgen gleich abholen konnte. Dafür bin ich die 19 km (Hin- und Rückweg zusammen gerechnet) gern gefahren, auch zweimal. Genau genommen hätte ich zu dem Zeitpunkt auch den Apotheker geheiratet oder ihm mein gesamtes Vermögen überschrieben um ihm meine Dankbarkeit zu zeigen. Das richtige Antibiotikum lindert bei mir innerhalb einer Stunde die Beschwerden. Hätte es keinen Notdienst gegeben der mir das Medikament zum nächsten Morgen bestellt hätte ich es morgens bestellen und nochmal acht Stunden warten müssen. Sicher ging es da nicht um Leben und Tod, aber ich war trotzdem sehr froh dass es einen Notdienst gibt.

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    • ptachen schreibt:

      Das sind auch die Fälle, die ich als Notfall „gelten lasse“ 😉
      Aber leider sind es dann oft die Leute, die seit drei Wochen irgendwelche gesundheitlichen Problemchen vor sich hertragen, und denen Nachts um 0:30Uhr einfällt, dass sie doch mal in der Apotheke vorbei schauen können…

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  2. Alexander schreibt:

    Hm, die Aussage, daß man am Apothekensterben schuld sei, wenn man im Internet bestellen würde, halte ich für fraglich. Zumindest in Teilen. Ich bin ja, wie ich hier schon mehrfach geschrieben habe, Chroniker: Diabetes Typ 2. Bedeutet, daß ich regelmäßig neben verschiedenen Medikamenten (die ich übrigens immer in der Apotheke vor Ort hole) auch verschiedene Hilfsmittel brauche: Teststreifen, Nadeln für die Insulinpens, Lanzetten, etc. – und die bestelle ich tatsächlich online, allerdings nicht bei einer Versandapotheke, sondern bei einem Diabetesfachhandel. Warum? Ganz einfach, weil die speziellen Hilfsmittel, die ich nutze, nicht nur regelmäßig in der Apotheke nicht vorrätig waren, sondern auch tlw. nicht kurzfristig über den Großhandel geliefert werden konnten (Aussage der Apothekerin).

    Beim Diabetes-Fachversand scanne ich das Rezept vorab ein und maile es, dann kommt mein Material i.d.R. am nächsten Tag. Das Originalrezept geht auf dem Postweg mit Freiumschlag an den Versand. Das ist in diesem Fall für mich einfach deutlich praktischer als das Theater mit nicht lieferbarem Material in der Apotheke.

    Wie gesagt: gilt nur für Hilsfmittel, nicht für Medikamente.

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    • ptachen schreibt:

      Ich denke, dass es auf die Mischung ankommt Alexander. Wer es so macht wie Du, der hat mein volles Verständnis! Wer aber immer alles (!) über das Netz bestellt, aber jammert wenn er dann 15km fahren muss wenn er alle drei Jahre mal schnelle Hilfe braucht, der darf sich dann nicht wundern.

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      • Alexander schreibt:

        Auf die Idee, alles über’s Netz zu bestellen, käme ich sicher nicht. Wäre mir ehrlich gesagt zu nervig, mit der Hin- und Herschickerei von Rezepten und so. Der Gang in die örtlclihe Apotheke ist ja kein großer Aufwand, das mach ich gerne. Zumal mindestens eine der drei Apotheken bei usn im Ort Ware, die nicht vorrätig ist, nach Bestellung sogar nach Hause liefert. Das nenn ich einwandfreien Kundenservice, so kann man Kunden binden.

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  3. Shark schreibt:

    Was für Medikamente sollte man denn in einer Hausapotheke gegen Blasenentzündung haben? Bzw. was sollten die können, was viel trinken nicht auch erreicht?

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    • Judi schreibt:

      Mir wird immer wieder Ango*** empfohlen (weiß nicht ob es okay wäre den ganzen Namen zu schreiben, daher lasse ich es lieber 😉 ).
      Bei mir hilfts aber nicht, selbst wenn ich die empfohlene Standarddosis von 12 Tabletten nehmen und auch nicht bei der angegebene Höchstdosis von bis zu 25 Tabletten (was glaube ich sowieso kein normaler Mensch durchzieht)
      Ebenso wenig helfen bei mir Cyst**** ,die gängigen Tees oder Cranberrysaft.
      Das sind so die drei Hausapothekensachen die mir spontan einfallen, PTAchen kennt da garantiert noch etliche mehr.

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    • ptachen schreibt:

      Es gibt ein pflanzliches Arzneimittel mit Liebstöckel, Rosmarin und Tausendgüldenkraut. Das wirkt krampflösend, antientzündlich, schmerzlindernd und harntreibend und ich empfehle es gerne, weil ich viel positive Rückmeldung darauf bekommen habe. Manche schwören auch auf die Kombination aus Orthosiphon, Goldrute und Hauhechel, die ähnliches bewirken soll. Ein weiteres pflanzliches Arzneimittel aus Meerrettich und Kapuzinerkresse wirkt grundsätzlich bei Entzündungen gut, sei es nun Blase oder Erkältung. Es gibt da vielfältige Möglichkeiten…

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  4. Pingback: Apotheken im Ausnahmezustand | apothekentheater

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