Bericht von der Front – Teil 1


In diesen Tagen werde ich so häufig von allen Seiten gefragt, wie es mir geht, ob ich keine Angst hätte oder auch ob „alles reibungslos klappt“. Ich möchte wirklich gerne jedem Einzelnen antworten, aber am Ende des Tages bin ich leider meist zu dünnhäutig und zu müde um sinnvolle Sätze von mir zu geben. Also hier kommt er, mein „Bericht von der Front“!


An alle Ärzte und MFAs:


Ich weiß, dass sie genau wie wir in der Apotheke im Stress sind. Ich danke allen Mitarbeitern in den Praxen – seien es die Hausärzte, die Kinderärzte oder die Fachärzte – für ihre Arbeit und ihr Engagement in diesen schweren Zeiten. Danke auch für schnelle, pragmatische und unbürokratische Wege die ihr mit uns zusammen zum Wohl der Patienten geht. Danke, dass wir in den letzten paar Tagen keine unerquicklichen Diskussionen um Preisanker führen mussten, und danke, dass ihr überhaupt noch ans Telefon geht, wenn wir wieder einmal anrufen müssen, weil irgendetwas nicht beschafft werden kann. Ihr seid einfach toll! Ich hoffe, dass uns diese Art der Zusammenarbeit auch nach der Krise zusammenschweißt.


An die Industrie:


Ich lese immer wieder, die Industrie mache in diesen Tagen einen tollen Job. Der Stresstest sei erfolgreich, und die Arbeit an Impfstoffen und Medikamenten gegen Covid-19 nähme Fahrt auf wie ein Schnellboot. Ich als kleine PTA kann das nicht beurteilen. Ich weiß nur das, was bei mir im Alltag ankommt, und das werte ich als mangelhaft bis ungenügend. „Setzen, sechs“ mit anderen Worten. Warum ich so hart bin? Das hat Gründe!

  1. Zuerst waren die Mundschutzmasken ausverkauft. Und zwar nur Stunden, nachdem die ersten Angstkäufer in die Apotheken kamen. In den letzten Tagen bekommen wir aber immer wieder nette Angebote von unseren eigenen Großhändlern und von Anbietern, die uns die Masken für einen zweistelligen Eurobetrag pro Stück anbieten wollen. Es sind also noch welche da – aber eben nur für die, die genug dafür bezahlen. Schämt euch.
  2. Dann war das Desinfektionsmittel weg. Als wir die Erlaubnis erhielten, dies selbst herzustellen gab es auf einmal weder Isopropanol, noch Ethanol, noch Wasserstoffperoxid, noch Glycerin. Nicht bei unseren drei Großhändlern, nicht bei uns bekannten Zulieferern, nicht bei den Herstellern. Alles eigentlich Dinge, die ich vorher als Massenwarebezeichnet hätte. Die einzige Möglichkeit die Bevölkerung preiswert und schnell mit Händedesinfektionsmittel zu versorgen ist damit weg. Inzwischen kaufen wir schon selbst Isopropanol übers Internet zu deutlich höheren Preisen, und was passiert? Es gibt keine Packmittel mehr. Keine Glasflaschen (übrigens egal ob Tropfflasche, Medizinflasche oder Weithalsflasche), keine Kunststoffflaschen, egal in welchen Größen – sie sind alle ausverkauft. Überall. Was aber ins Haus flattert sind überteuerte Angebote von industriell hergestellten Desinfektionsmitteln. How dare you!
  3. Jetzt bekommen wir übrigens nicht einmal mehr Einmalhandschuhe! Lea und ich können uns freuen, denn von der Größe S haben wir gestern immerhin noch zwei Pack bekommen – nach laaaaangen Telefonaten und doppelt so teuer wie sonst.
  4. Medikamente wie Ibuprofen, L-Thyroxin und Paracetamol gesellen sich seit dieser Woche zu den bekannten Lieferproblemen dazu. Paracetamol als Substanz zur Herstellung eines Saftes für Kleinkinder ist übrigens auch nicht zu bekommen. Ich will nicht wissen, wie es in ein paar Wochen aussieht, da bin ich ehrlich! Auch der vielgerühmte Pneumokokkenimpfstoff ist schon länger nicht mehr zu bekommen, und nur einer auf der langen Liste der nicht lieferbaren Impfstoffe.
  5. Unsere Großhändler brechen ein. Einer hat schon fast komplett aufgegeben und nennt keine Liefertermine mehr. Wir müssen froh sein, wenn wir überhaupt noch etwas bekommen. Die Bestellungen werden unvollständig ausgeliefert, und die Trennung für Automatenware und bestellte Medikamente findet nicht mehr statt. Das bedeutet, dass wir uns aus einem Berg an Medikamenten die in den Kisten liegen die vom Kunden benötigte Ware herauswühlen müssen.
  6. Wir telefonieren den halben Tag den fehlenden Medikamenten hinterher, versuchen aufzutreiben was wir können. Nebenher kommen aus den Foren und von wohlmeinenden Kunden dann Sätze wie „Für die Händedesinfektion können sie auch Isopropanol benutzen, wenn sie keinen Ethanol bekommen, wissen sie?“ Dann bin ich kurz davor hysterisch loszulachen. Das klingt in unseren Ohren wie Marie Antoinette mit dem berühmten Satz: „Wenn das Volk kein Brot hat, dann soll es eben Kuchen essen“. Desgleichen gilt übrigens für diverse Geschäftsleute, die sich aufregen, dass wir ihnen keine zehn Liter 70%-igen Alkohol verkaufen. Wir bekommen keinen Nachschub mehr, für die, die ihn nötig brauchen – das liegt nicht daran, dass wir nicht wollen! Und wenn sich noch einmal jemand beschwert, dass wir Desinfektiosmittel teurer verkaufen als noch vor zwei Wochen: das liegt ebenfalls nicht daran, dass wir uns eine goldene Nase verdienen! Wer mag, der darf sich gerne einmal schlau machen, was Alkohol bei Amazon oder ähnlichen Anbietern inzwischen kostet. Diese Preise zahlen wir tatsächlich auch, denn wir kaufen auch genau dort ein…to be continued

Über ptachen

PTA mit Leib und Seele.
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8 Antworten zu Bericht von der Front – Teil 1

  1. SarahPTA schreibt:

    Schau mal bei den Drogerien nach den leerfläschchen für Reisekosmetika

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  2. Jan schreibt:

    Habt ihr schon Sicherheitsmaßnahmen wie Plexiglasscheiben oder Zutrittsbeschränkungen?

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  3. gedankenknick schreibt:

    Das sich Apotheker an ALLEM eine goldene Nase verdienen, ist doch in der Zwischenzeit vererbtes Gattungswissen des „Homo sapiens“.

    So wurde ich schon bei blöden Bonbons für meine Preise als „viel zu hoch“ beschimpft, die ich ca. 10% preiswerter als der lokale Supermarkt 500m entfernt anbiete.

    Eine Krankenkasse hat mir Praxisbedarfs-Hilfsmittel zum „Einkaufspreis plus MwSt.“ genehmigt, aber ohne Beschaffungskosten. Als ich anrief, wieso das so sei, sagte man mir, man wüßte schließlich, was ich für Rabatte bekomme. Es war ein „einzigartiges Hilfsmittel“, welches ich direkt beim Hersteller bestellen musste, und wegen 50€ Gesamtbestellwert habe ich 6€ Versandkosten dazu bekommen, weil versandfrei ab 250€. Alles klar? Rabatt war 0€, ich habe bei dem Geschäft fett oben drauf gelegt…

    Schau Dir mal Rezepturen an. Für zwei Stunden Arbeit (incl. Dokumentationsaufwand) sind 28€ viel zu viel. Da verdient sich ein Apotheker eine goldene Nase UND goldene Finger! Mein Heizungsinstallateur würde bei dem Stundensatz nicht mal den Telefonhörer mit seiner Rohrzange hochheben.

    usw. usw.
    Die Politik kocht die Apotheken seit 20 Jahren weich, und irgendwann schlägt es halt durch. Die Rettung sind doch logischer Weise die Versandapotheken. MocDorris hatte für „20 Paracetamol Ratiopharm Tabl.“ vor dem Ausverkauf einen Preis von 4,49€. Also 1,50€ (oder 66%) über dem UVP. DAS nenn ich billig! DAS wird uns alle retten. DAS sind Menschenfreunde per excellance.

    Aber was rege ich mich auf… Muss Schluss machen. Habe Patienten zu bedienen und mir dabei eine goldene… Eichel zu verdienen. Also eine aus dem Wald, in den ich ziehe, wenn die Coronakriese durch ist, weil ich die flugs aufgenommenen Null-Zins-Kredite nicht zurückzahlen können werde, weil mir seit 15 Jahren die Vergütung meiner Arbeit nicht an die Realinflation angepasst wurde. Dafür mache ich jetzt Sonntags 6 Stunden auf (und arbeite 8 Stunden am Sonntag dafür), weil meine 60-70 Stundenwoche mich einfach nicht genug auslastet derzeit. *facepalm*

    Wer Ironie oder gar Sarkasmus findet, hat Ostern offensichtlich vorgezogen. 😉

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    • ptachen schreibt:

      Ich wünsche Dir alles erdenklich Gute! Ich habe gestern 1,5 meiner 4 Jobs verloren und mein Mann ist arbeitslos. Da macht es auch richtig Spaß mich noch an die Front zu stellen…

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      • gedankenknick schreibt:

        Ich wünsch Dir und Deiner Familie auch alles Gute! Ich finde es nur zum fremdschämen, wie dii KrankenKassen und die Politik mit allen(!) Gesundheitsberufen umspringen, die dann immer wenns brennt die Kartoffeln aus dem Feuer holen sollen und dürfen, die aber anschließend mit warmen Worten und feuchten Händedrücken abgespeist werden.

        Die ganzen Apotheken, die in den letzen Jahren ohne Nachfolge dicht gemacht haben… haben sich die Geschäftsführer wegen Überfinanzierung der eigenen Rente zur Ruhe gesetzt, logisch. Und der oberste aller Herrn Hänsli läßt sich monatliche „Arbeitsvergütungen“ auszahlen – finanziert durch saudisches Terrorgeld und Heuschrecken-Hedgefonds – von denen ein normaler Apotheker, angestellt oder selbstständig, nicht mal zu träumen wagt. Eigentlich ist alles zum hinschmeißen…

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