Depressionen durch die Arbeit

In einem PZ- Artikel las ich neulich mal wieder etwas, das mir sofort beim lesen schon gegen den Strich ging. Zuerst konnte ich nicht gleich festmachen wieso, aber da stand eine Ungereimtheit, die ich gerne kommentieren wollte. Dort heißt es:

„In Deutschland sind die Verordnungszahlen von Schmerzmitteln, Antidepressiva und Neuroleptika seit 2010 kontinuierlich gestiegen. Die Linke sieht hier ein Alarmsignal und bringt den Anstieg mit den heutigen Arbeitsbedingungen in Zusammenhang“

Den Anstieg im Gebrauch solcher Medikamente mit den heutigen Arbeitsbedingungen in Zusammenhang zu bringen empfinde ich persönlich als gewagt. Hat es nicht vielleicht eher etwas damit zu tun, dass das „Zugeben“ dass man unter Schmerzen, psychischen Erkrankungen oder Depressionen leidet inzwischen immer mehr enttabuisiert wurde? Tatsächlich beobachte ich persönlich, dass Rezepte über Antidepressiva immer häufiger auch für jüngere Patienten ausgestellt werden. Aber hat das häufig etwas mit den Arbeitsbedingungen zu tun?

Das Thema hat mich irgendwie umgetrieben, denn meine Arbeit ist für mich eher eine der Quellen meiner Lebensfreude (ich weiß natürlich, dass ich insofern privilegiert bin, weil ich genau das tun darf, das mir gefällt). Was ich häufiger beobachte wenn ich hinter dem HV Antidepressiva an Menschen abgebe, die vom Alter her noch zu den berufstätigen Menschen gehören ist, dass ich sie an für die Gesellschaft (Teil)gescheiterte Frauen und Männer abgebe. An die, die es nicht geschafft haben, sich einen hochdotierten Job zu ergattern, an die, die keine Familie gegründet haben, obwohl sie das gerne gewollt hätten, an die, denen nicht täglich in den (un)sozialen Medien die Sonne aus dem Allerwertesten scheint. An die Einsamen, an die „Seltsamen“, an die, die irgendwie nicht wie geschmiert im Räderwerk der Gesellschaft mitrotieren.

Meist sind diese Menschen – wie alle anderen Apothekenkunden auch – recht kurz angebunden. Manchmal reden sie auch mit uns, wie man landläufig annimmt dass die Leute mit ihrem Friseur plaudern. Dann erfährt man auch etwas über die Gründe der Antidepressiva- Einnahme, und die liegen oft einfach im persönlichen Bereich. Langes Alleinsein nach einer gescheiterten Beziehung, der Tod naher Angehöriger, schwere körperliche Erkrankungen gehören dazu. Dass sich jemand über die Arbeitsbedingungen beklagt habe ich dagegen in über 20 Jahren „hinterm Tresen“ noch nie gehört.

Da mich das Thema dann nocht ganz losgelassen hat, habe ich ein wenig geforscht. Kann ja nicht sein, dass es dazu keine representative Studie gibt, nicht wahr? Et voila:

Der Einfluss von Arbeitsbedingungen auf die psychische Gesundheit“

Der vbw (Vereinigung der Bayrischen Wirtschaft) hat zu dieser Fragestellung das Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München mit einer Studie beauftragt, die interessantes zutage förderte: nicht nur, dass die Arbeitsbedingungen so gut wie gar keinen Einfluss auf die psychische Gesundheit der Arbeiter hatten, es zeigte sich nicht einmal überhaupt ein Nachweis für eine Zunahme psychischer Erkrankungen.

Wie bitte? Es wird doch überall behauptet, dass psychische Erkrankungen statistisch gesehen immer häufiger vorkommen! Kann das tatsächlich stimmen? Laut dieser Studie ja, denn:

„Dies ist im Widerspruch mit statistischen Angaben der Krankenkassen und Rentenver-
sicherer, nach denen der Anteil psychischer Störungen bei Fehltagen und Frühberentungen ansteigt. Da dieser statistische Anstieg mit einem Rückgang anderer Diagnosen bei gleichzeitig stabiler Gesamtzahl an Fehltagen und reduzierten Frühberentungen einhergeht, sind hierfür vermutlich eine veränderte Bewertung psychischer Erkran-
kungen verantwortlich.“

Das ist ja interessant!

So. Warum stellt jetzt die Linke (eine Partei der ich grundsätzlich nicht negativ gegenüberstehe!) der Bundesregierung eine schriftliche Anfrage nach dem Gebrauch von Schmerzmitteln uns Psychopharmaka? Die hat übrigens mit Zahlen aus dem Arzneiverordnungsreport von 2010 bis 2019 geantwortet, wonach die definierten Tagesdosen (DDD) bei den Antidepressiva von 1174 Millionen DDD im Jahr 2010 auf 1609 DDD im Jahr 2019 gestiegen waren. Doch ist das eine adäquate Antwort? Nein, denn hier findet sich nicht die Anzahl der betroffenen Menschen!

Sabine Zimmermann, die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke „vermutet“ lediglich, „dass viele psychische Probleme und Schmerzen (auf Belastungen im Arbeitsleben) zurückgeführt werden können“. Belegt hat sie ihre Vermutungen jedoch nicht. Für mich ein klassisches Wahlkampfding, denn Die Linke setzt sich bekanntlich für die 4-Tage Woche und maximal 40 Stunden Höchstarbeitszeit ein (was für mich ein völliges Unding wäre, denn DANN würde ich vielleicht depressiv werden).

Ein alter Freund mit dem ich über das Thema gesprochen habe (danke TFH) meinte, dass es sich nicht als Aufhänger für einen Artikel eignet, denn es fehlt der „Schuldige“ an der Mehreinnahme der genannten Medikamente, weil die Gründe für ihre Einnahme zu vielschichtig sind. Einer davon könnte sein, dass unsere Elterngeneration immer auf ein Ziel hinarbeitete – dass es uns besser gehen möge – und jetzt ist es erreicht und wir fragen uns, ob das erreichte nun auch wirklich gut genug ist und zerpflücken den Zukunftstraum von damals. Das lässt das Thema wieder in der Luft hängen.

Ja, vielleicht hat er Recht. Und doch muss ich ihn schreiben, meinen Blogartikel, denn andere scheinen da einen Schuldigen anprangern zu wollen (die Arbeitswelt per se) der es nicht ist.

Offenbar liegt es auch an der Zählweise (Statistik oder DDD) ob hier überhaupt ein Wachstum der Betroffenen zu verzeichnen ist, und das ist vermutlich bei den DDD der Schmerzmittel auch nicht anders. Oder was meint ihr dazu?

Über ptachen

PTA mit Leib und Seele.
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3 Antworten zu Depressionen durch die Arbeit

  1. Ichtio schreibt:

    Danke für Deinen Artikel. Für mich beweist es einmal mehr, wie Statistiken absichtlich fehlinterpretiert werden um ein gewünschtes Ergebnis darzustellen. Das ist nach meiner Erfahren inzwischen leider ein gängiges Verfahren zur Unterfütterung dürftiger Argumentationen. Und leider werden die Menschen, die das durchschauen immer weniger.

    Gefällt 1 Person

  2. Naya schreibt:

    Ich bin auch depressiv, und ich bin es definitiv nicht durch die Arbeit geworden, sondern hatte den akuten Ausbruch noch vor dem Einstieg ins Berufsleben. Im Gegenteil, seitdem ich in einem Job arbeite, wo mir die Arbeitszeiten sehr konkret vorgegeben werden, hilft mir das, insgesamt auch meinem Alltag eine Struktur zu geben, und damit meine Erkrankung meistens im Griff zu haben.

    Und zu den Ideen der Linken dort: Ich finde es total wichtig, daß viel mehr auch auf psychische Erkrankungen geschaut wird, sie enttabuisiert werden, … – aber ich finde es absolut gruselig, wenn diese Krankheit in dieser Form für die eigene politische Agenda einer Partei instrumentalisiert werden soll!
    Letztendlich fügen sie nämlich damit einem der vielen Vorurteile, die es über meine Erkrankung gibt, und die uns Betroffenen zusätzlich zu dieser besch… Krankheit das Leben schwerer machen, nur ein weiteres hinzu.

    Gefällt 1 Person

  3. Felix schreibt:

    Nun ja, ich finde die Kritik hier an der Linkspartei ein bisschen zu hoch gegriffen:

    »Während es erfreulich ist, dass psychische Erkrankungen und chronische Schmerzen häufiger erkannt und adäquat behandelt werden, ist die stetige Zunahme bei der Verordnung verschreibungspflichtiger Schmerzmittel und Psychopharmaka doch auch ein Alarmsignal«, meint Sabine Zimmermann, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke. »Denn soweit sich dahinter eine reale Zunahme von Beschwerden verbirgt, muss besonderes Augenmerkt auf Belastungen im Arbeitsleben gelegt werden.« Sie vermutet, dass viele psychische Probleme und Schmerzen darauf zurückgeführt werden können.

    Da sind 3 Punkte drin: 1. Lob für die häufigere Erkennung/Behandlung dieser „Tabukrankheit“. 2. Erkenntnis, dass der Anstieg der Verordnung dieser Mittel auch ein Alarmsignal ist (hier etwas ungenau da Zahl unklar ob Tagesdosen oder Patientenzahl). 3. Bezogen auf 2. wird gesagt, wenn die Anzahl der Betroffenen steigt, dann muss man auch Augenmerk auf die Arbeitsbedigungen gelegt werden – denn die sind nun mal Teil des Tages und wirken wie auch immer auf eine Person ein. Dazu vermutet die gute Frau, dass viele psychische Probleme und Schmerzen (Schmerzen können ja auch körperlich sein) in der Arbeit begründet sein können. Dagegen kann man auch nichts sagen, denn Vermutungen kann man ja erst mal anstellen, muss dann aber auch die Größe haben, bei Widerlegung der Aussage eine Fehleinschätzung zuzugeben.

    Ich versuche nachher mal das PDF zur Studie zu lesen, bin jedoch bei 2 Punkten skeptisch. Die Studie ist von 2015 (mittlerweile 6 Jahre alt). Die gesellschaftliche Situation, der Arbeitsmarkt etc. haben sich seitdem massiv verändert und andere Themen haben an Gewicht gewonnen. Es kann also durchaus sein, dass sich die Situation hier deutlich verändert hat. Vielleicht liegt es an meiner Social Bubble und ist nur anekdotische Evidenz, aber ich habe den Eindruck, dass das psychische Wohlbefinden in meinem Umfeld auch sehr stark vom Arbeitsumfeld beeinflusst wird. Weiterhin muss man auch auf den Auftraggeber achten und das Studiendesign. Das sind Daten aus 20 Jahren, die erhoben wurden und anscheinend mit einer heutigen Fragestellung beworfen worden sind. Es ist immer ein Unterschied ob ich Daten in Hinblick auf eine Fragestellung erhebe, oder eine Fragestellung auf „willkürlich“ erhobene Daten werfe. Auch bin ich insgesamt immer skeptisch bei Studien, die von Entitäten in Auftrag gegeben werden und am Ende deren Unschuld in einer Sache belegen sollen. Analog zu: Die Studie – in Auftrag gegeben von Philipp Morris – kommt zu dem Ergebnis, dass der Konsum von Zigaretten vollkommen unproblematisch ist.

    Auch hinsichtlich der Aussagen von der 4-Tage Woche bzw. 40 Stunden Höchstarbeitszeit von PTAchen gibt es ein sehr breites Spektrum. Sie anscheinend das genaue Gegenteil von mir. Ich hab das früher immer belächelt, aber jetzt wo ich im Berufsleben bin, merke ich erst wie belastend das alles ist. Ich bin zwischen 17 und 18 Uhr erst zu Hause. Dann hab ich effektiv noch 4 Stunden um den Haushalt/Wohnung Erledigungen zu mache, zu essen und noch eine Kleinigkeit zu unternehmen. Dann muss ich ins Bett, weil ich um 6 wieder raus muss. Bleib ich mal länger wach, dann büße ich dafür in den Folgetagen. Ich glaube diese 40 Stunden-Woche ist ein Relikt aus einer Zeit, wo der Mann arbeiten war und die Frau sich um den Haushalt gekümmert hat. Da mag das arbeitstechnisch funktioniert haben, aber jetzt wo beide arbeiten müssen/wollen. Aber da tickt auch jeder ein bisschen anders.

    Was ich mit diese Menge an Text sagen will, dass ich diese Kritik an der Linkspartei in der Sache nicht richtig nachvollziehen kann

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