Wie genau müssen Blutzuckertests sein?

Kürzlich hatte ich mich darüber beklagt, dass die KrankenKassen uns nötigen, die Diabetiker von den teuren aber genaueren Teststreifen auf die billigen ungenauen umzustellen. Die Frage von ednong und tfh war, ob das im 10% Bereich eigentlich überhaupt relevant ist (ist ja auch innerhalb des DIN Bereiches was die Schwankung angeht).

Ich habe die Frage mal an Birgit weitergereicht, die bei uns die Diabetes Expertin ist und sämtliche Fortbildungen zu diesem Thema gemacht hat. Hier ist ihre Antwort:

Die „alten“ Geräte die noch mehr Abweichung haben durften sollten ja nicht mehr vorhanden sein- brauchen wir also nicht mehr von reden…
Für mich ist immer noch je genauer desto besser! Es sind sowieso sooo viele Variablen im Tag eines Diabetikers dass jedes bisschen auf das er sich verlassen kann hilft! 
Alleine schon beim messen: wurde vielleicht doch beim Blutnehmen ein wenig der Finger gequetscht so dass mehr Kapillarwasser mit rauskam- also niedrigerer Wert?
Und dann geht es ja weiter: manchmal hat sich der Diabetiker viel bewegt- der Körper zieht später in Ruhe auch ohne Insulin noch Kohlehydrate in die Muskeln um wieder aufzufüllen. Aber wie viel jetzt genau? Meist schlecht kalkulierbar!

Oder ist Aufregung mit im Spiel? Viele kennen es dass Adrenalin hohe Werte macht…. manchmal geht der Wert bei Entspannung dann „alleine“ wieder runter, manchmal muss man gnadenlos runterspritzen…. präzise Werte helfen schon sehr dass man nicht sofort in den Unterzucker durchsaust! Man nehme da zum Beispiel die interessante Kombination aus Adrenalin und einer Prüfungssituation, einem Vorstellungsgespräch oder einer Präsentation irgendwo: 

Adrenalin treibt den Zucker hoch,  das sehr konzentrierte Arbeiten verbrennt wieder recht viel KH…

Andere Sache: Diabetiker die eine Pumpe tragen haben kein „Depot“ an Insulin vom Spritzen in der Haut (Basalinsulin) mit dem sie die nächsten Stunden versorgt sind. Bei Pumpen kann alles Mögliche sein warum die Insulinversorgung mal unterbrochen ist und sie dann in hohe Werte kommen bzw. auch dann mal in der Ketoazidose landen. Je schneller man das merken und korrigieren kann desto besser!
Bei der Pumpe kann mal der Schlauch verstopfen- über Nacht z. B. der Schlauch mal durch komisch draufliegen so abknicken dass  kein Insulin mehr durchkommt oder auch mal komplett die Kanüle rausrutschen (das merkt man dann noch recht schnell aber der Rest kann dauern!)

Außerdem ist es noch ein großer Unterschied ob man einen Typ1er oder Typ2er mit noch restlicher Eigenproduktion an Insulin vor sich hat – der reagiert da mit wesentlich weniger Schwankungen. .. aber merken kann man sie trotzdem auch!

Ich glaube es gibt noch sehr viele andere Unwägbarkeiten…. z.B. ist in Krankheitssituationen der Zucker immer mal besonders schwankend je nach dem ob Fieber da ist oder nicht … andererseits auch wieder mal Hunger da mal Hunger weg…. 

Für jemanden der nur morgens den Nüchternwert braucht und dann sonst nichts damit anfängt. … oder auch Patienten die immer genau gleich spritzen so wie es der Arzt gesagt hat… aber so weit ich weiss haben auch die die Korrekturtabelle und reagieren auf den Wert auch wenn sie von immer gleichen Portionen ausgehen.

Diabetiker sind wirklich bei jeder Situation um jedes bisschen Genauigkeit dankbar!
Ich denke einfach je öfter ein Patient selbst misst und auch dann seine Therapie danach ausrichtet, desto wichtiger ist für ihn ein genauer Wert! 

Danke liebe Birgit für die ausführliche Beschreibung der Messschwierigkeiten im Alltag! Die meisten Menschen bedenken einfach nicht das ganze „drum und dran“ und meinen, es käme nur auf das Essen an, bzw. wieviel Kohlenhydrate aufgenommen wurden. Aber das Problem der exakten Einstellung ist eben genau so komplex wie das Leben selbst. Da möchte man schon genaue Werte angezeigt bekommen, auf die man sich verlassen kann!

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PTA mit Leib und Seele.
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4 Antworten zu Wie genau müssen Blutzuckertests sein?

  1. ednong schreibt:

    Vielen lieben Dank für die interessanten Infos – auch an Birgit.

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  2. -thh schreibt:

    Hm. Ich frage mich umgekehrt, ob es bei dieser Vielzahl von Faktoren und Unwägbarkeiten wirklich auf eine besonders hohe Messgenauigkeit ankommen kann …

    Auf jeden Fall aber vielen Dank für die umfangreichen Infos!

    Gefällt mir

  3. Alexander schreibt:

    Ich als Betroffener (Typ 2 mit intensivierter Insulinstherapie) kann mich den Ausführungen nur anschließen. Es gibt (zwangsläufig) zu viele Variable, als dass wir hier mit einer weiteren Ungenauigkeit durch vermeintlich billigere Messgeräte dauerhaft leben können. Gerade bei intensivierter Insulintherapie, bei der die Insulinmenge nicht fix ist, sondern je nach aktueller Situation (aktueller BZ-Wert, KH-Menge der aktuellen Mahlzeit, kurzfristig geplante körperliche Aktivitäten, Tageszeit, etc.) neu zu ermitteln ist, wäre es fatal, wenn man hier als Basis falsche BZ-Werte hätte – zumal dann, wenn man ggf. jemand ist, der eine Unterzuckerung nicht sofort bemerkt. Auch da gibt es massive Unterschiede von Diabetiker zu Diabetiker – wenn man sich z.B. im Rahmen der Diabetes-Schulungen mit Mitpatienten unterhält, merkt man schnell, daß manche schon bei Werten um 90 merken, daß es langsam zu niedrig wird. Die können dann in Ruhe gegensteuern. Andere merken lange gar nichts, dafür kommt das Loch dann schlagartig und ist dann verdammt gefährlich.

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